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Stuttgart muss mehr an die Zukunft denken – Interview mit der Wirtschaftsministerin von BaWü

Gerade noch vor dem Startup Gipfel hatten wir die Möglichkeit die Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg für ein Interview zu gewinnen.

Frau Hoffmeister-Kraut ist in Balingen geboren und hat in Tübingen und Würzburg studiert. Sie verbrachte beruflich ein paar Jahre in London, bevor Sie zurück in Deutschland im eigenen Familienunternehmen tätig wurde.

Erst 2009 trat sie in die CDU ein und nach Gemeinderat und Kreistag wurde sie dann bereits 2016 Wirtschaftsministerin im „Ländle“. Startup, Gründerkultur und die Transformation der Wirtschaft in BW sind Themen die sie beschäftigen. Vor wenigen Monaten vebrachte sie mit Herrn Ministerpräsident Kretschmann und einer Delegation einige Tage in Israel um mehr über die Erfolgsfaktoren der Startup-Nation zu erfahren. Am 14. Juli soll auf dem Startup-Gipfel die Landeskampagne BW vorgestellt werden.

 

StaStu: Frau Ministerin, Sie sind ja noch nicht so lange in der Politik und dann in kürzester Zeit Wirtschaftsministerin in BaWü geworden. Wie ist es denn für Sie aus der Wirtschaft kommend?

Wirtschaftsministerin: Es war wirklich ein Start von 0 auf 100 – gerade für mich als Quereinsteigerin. Für mich ist es eine große Ehre und ich mache die Aufgabe sehr gern. Mit vielen Themen hatte ich ja auch schon in meinem früheren Berufsleben zu tun.

Wir haben im ersten Jahr auch schon vieles auf den Weg gebracht und erreicht. Sei es im Bereich Wohnungsbau, aber auch im Bereich der Digitalisierung und ich freue mich sehr auf unseren Startup-Gipfel am 14 Juli. Da werden wir neue Akzente für die Gründerszene setzen. Deswegen kann ich da heute noch nicht zu viel verraten, um die Spannung nicht vorweg zu nehmen.

StaStu: Was sind denn Ihre Erwartungen an den Gipfel? Wann ist es ein Erfolg?

Wirtschaftsministerin: Der Gipfel soll der Auftakt sein. Das große Thema: Wir müssen sichtbarer werden, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Wir müssen uns aber auch besser vernetzen. Ich denke, dafür setzt der Gipfel den ersten Meilenstein. Natürlich müssen wir das Thema Startup dann weiter auf diesem hohen Niveau vorantreiben.

Am Gipfel präsentieren sich die Gründerszene und viele Akteure, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen in BaWü engagieren. Ich sehe es auch als eine unserer Hauptaufgaben, dass wir die Aktivitäten die im Land stattfindenund es passiert ja schon viel besser bündeln, Ansprechpartner definieren und Netzwerke aufbauen, damit hier noch mehr passiert. Das ist jetzt die große Aufgabe: Das Startup Land Baden-Württemberg besser aufzustellen, nach innen und nach außen.

StaStu: Das heißt aber auch, es wird nach dem Gipfel Folgeaktivitäten geben? Wenn wir zu unserem Nachbarland Bayern schauen, die sind z.B. auf vielen internationalen Events bereits heute präsent. Wird sich da BW zukünftig auch stärker international engagieren?

Wirtschaftsministerin: Absolut. Wir wollen auch international für den Standort werben, denn wir stehen ja auch im internationalen Wettbewerb. Nicht nur um Wagniskapital, sondern auch um die besten Ideen. Wir wollen auch Startups und Menschen nach BaWü holen, um ihre Ideen hier weiter zu entwickeln. Wir haben hier eine ganz großartige Ökosphere, wo man von vielen Bereichen profitieren kann. Und das ist das große Ziel und deswegen werden wir auch ganz bewusst die Internationalisierung weiter nach vorne treiben, unter anderem auch durch solche Events und Veranstaltungen, um dort BaWü zu präsentieren.

StaStu: Was sind denn aus Ihrer Sicht Stärken des BaWü Ökosystem?

Wirtschaftsministerin: Eine große Stärke ist, dass wir so eine starke Forschungsinfrastruktur haben, vor allem im Bereich der angewandten Forschung. Da sind wir so gut aufgestellt wie fast keine andere Region. Und das ist ja gerade für Startups wichtig, die neue Ideen generieren, Sparringspartner zu haben. Positiv ist sicherlich auch, dass auch aus den Forschungseinrichtungen selbst, im engen Austausch mit der Industrie, neue innovative Projekte entstehen. Das hat sich bewährt.

StaStu: Sind Sie zufrieden oder sollte da noch mehr herauskommen?

Wirtschaftsministerin: Wir sind da gerade in der Abstimmung mit Frau Bauer (Ministerin für Hochschulen, Forschungs- und Kunsteinrichtungen). Wir haben gute Forschungsinstitute und Hochschulen und wir werben auch an den Schulen. Das ist auch wichtig, um Unternehmertum und Gründergeist zu fördern. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel so genannte Schüler– und Juniorenfirmen, die in vielen Schulen angeboten werden. Wir haben viele Aktivitäten.

Was ich mir in diesem Bereich noch wünsche ist, dass wir die Strukturen noch stringenter ausrichten. Das geht von Technologietransfer bis hin zu Startups und Gründerszene. Da passiert an der einen oder anderen Stelle viel, an der anderen noch nicht. Ich denke, da muss man ansetzen und Gespräche suchen.

Das hat mich in Israel so beeindruckt, dass die Technologietransferzentren haben und ganz stringent ausgerichtet an jeder Hochschule das gleiche System und da natürlich auch Zuständigkeiten definiert haben. Der Erste kümmert sich um die Ideengenerierung, der Nächste um die Weiterentwicklung, der Dritte kümmert sich um die Prototypenfertigung, der Vierte um die Vermarktung und der Fünfte um die Kapitalgewinnung und ich denke dieser Prozess muss bei uns noch besser strukturiert werden.

MP Kretschmann und WMin Hoffmeister-Kraut in Israel. Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg

StaStu: In Israel hat man den klaren Anspruch globale Bestseller zu generieren? Ist das bei uns auch so?

Wirtschaftsministerin: Das ist in BaWü auch schon passiert (lacht) und passiert immer wieder. Da sind wir wirklich vorzeigbar.

Wir haben andere Rahmenbedingungen. Man kann uns nicht mit Israel oder dem Silicon Valley vergleichen. Das sind gewachsene Systeme. Wir haben auch unsere Stärken in BaWü. Der gewachsene Mittelstand, die starke Forschungsinfrastruktur. Wir sind natürlich eher im B2B Bereich stark, der häufig sehr kapitalintensiv ist. Wir haben aber auch ein Stück weit eine andere Mentalität, geprägt von langfristigem Denken. Man will ein Familienunternehmen gründen und nicht nach 2 Jahren den Exit – was ja auch für Nachhaltigkeit steht. Wir versuchen die Szene in allen Bereichen zu unterstützen und wir sehen das natürlich auch unter dem Aspekt Arbeitsplätze der Zukunft und Beschäftigung zu sichern und damit langfristig auch den Wohlstand in BaWü.

Ich bin überzeugt, wir können noch mehr marktreife Produkte generieren, Startups und Gründer unterstützen, wenn wir noch bessere Strukturen schaffen.

StaStu: Forschung ist das eine, aber vermarktbare Produkte das andere…

Wirtschaftsministerin: Genau, das ist absolut nicht das Gleiche. Deswegen muss man hier in den engen Austausch gehen. Da gibt es aber natürlich keine Blaupause. Aber wir haben die Kompetenz, wir haben die Menschen, wir haben das Engagement. Es ist möglich und wir haben ja z.B. auch das Cyberforum in Karlsruhe als gutes Beispiel.

StaStu: Karlsruhe ist ein gutes Stichwort, wir haben auch unsere Mitglieder gefragt, was würdet ihr gerne von der Ministerin wissen? Da kam dann z.B. die Frage: Wie sehen Sie denn Stuttgart?

Wirtschaftsministerin: Ich sehe in Stuttgart viele Aktivitäten wie z.B. Startup Stuttgart als eingetragener Verein und es gibt hier auch viele Persönlichkeiten, die sich hier engagieren, die auf ein starkes Netzwerk zurückgreifen können. Und allein aus dieser Trägerschaft entsteht schon viel. Ich weiß auch von einigen Konzepten, die derzeit in Stuttgart entwickelt werden und das sind auch Projekte, die ich als Wirtschaftsministerin unterstütze.

Vertreter der Stuttgarter Startup Szene mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut In Israel (Winfried Richter, Adrian Thoma, Alec Rauschenbusch, Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut, Christoph Röscher, Arndt Upfold)

StaStu: Mannheim ist ja auch sehr aktiv: allein 8 städtische Gründungszentren.

Wirtschaftsministerin: Da kann man sicherlich mal in den Austausch gehen. Mannheim ist natürlich auch in einer besonderen Situation gewesen durch den starken Strukturwandel. Aber die sind jetzt gut aufgestellt. Da muss man in Stuttgart auch etwas an die Zukunft denken und da stehen wir auch vor einigen Herausforderungen.

Ich war jetzt vor kurzem erst in Ulm, die haben schon lange mit dem Technologieförderungsunternehmen TFU ein Innovations- und Gründerzentrum und seit neuestem das Verschwörhaus, ein Experimentierfeld für Digitales. Da passiert viel und ich weiß, dass auch hier in Stuttgart schon viel läuft und weitere Konzepte in der Pipeline sind.

Ich war auch in Singapur und dieser Blk71 hat mich sehr beeindruckt. Die haben da wirklich einen richtigen Schmelztiegel geschaffen, da sind die Unternehmen direkt gegenüber vom Gründungszentrum.

Sie haben mich vorhin nach den Standortfaktoren BaWü gefragt. Unser starker Mittelstand, die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die auch in den verschiedensten Branchen stark aufgestellt sind und viele Weltmarktführer. Da haben wir die Möglichkeit, Partnerschaften einzugehen. Das können nur wenig Regionen auf dieser Welt bieten. Das ist ein absolutes Asset, was wie hier haben und das hat sich auch ganz klar in Israel gezeigt, wo ja sehr viel im HightechBereich geforscht und entwickelt wird. Die haben uns gesagt: „Wir brauchen jetzt strategische Partnerschaften“.

StaStu: Machen denn Firmen schon genug aus Ihrer Sicht?

Wirtschaftsministerin: Da hat eine enorme Dynamik eingesetzt. Aber natürlich unterstützen wir das auch. Ganz besonders im Fokus haben wir, die Vernetzung voranzutreiben. Wobei die großen Konzerne schon sehr aktiv sind. Daimler hat die Startup Autobahn gegründet, aber auch Bosch ist ja schon lange in der Startup-Welt aktiv. Unser Anspruch muss sein, dass wir auch als BaWü auf dieser Weltkarte der Startup Ökosysteme erscheinen.

StaStu: Eine erfolgreiche Gründerszene, braucht Kapital, Hochschulen, usw. und vor allem braucht es die Gründer, die bereit sind, das Risiko einzugehen. Und gerade hier in der Region, wo es relativ leicht ist zu den großen Firmen zu gehen anstatt zu gründen, gibt es eine Frage von einem Mitglied, ob es denn Überlegungen gibt, das Gründen einfacher zu machen, bzw. da das persönliche Risiko zu reduzieren

Wirtschaftsministerin: Das sind natürlich auch Themen, an denen wir dran sind, wobei viele Zuständigkeiten hier beim Bund liegen. Z.B: steuerliche Erleichterungen, man hat ja jetzt auch für Investoren die Abschreibungsmöglichkeiten erweitert für Investitionen in Startups. Das ist zumindest mal ein erster Schritt, den wir in Deutschland gemacht haben ebenso wie die Möglichkeit, bei der Körperschaftsteuer den Verlustvortrag abzuziehen. Das denke ich ist ein erster Schritt und bei anderen Themen sind wir natürlich immer dabei zu überlegen, wie wir da nachsteuern können. Aber ich meine, dass das Geld bei uns im Augenblick nicht das Hauptthema ist. Es ist gerade sehr viel Wagniskapital am Markt.

Wir müssen schauen, dass wir das vorhandene Potential, das bei uns ist, besser nutzen, dass wir Strukturen schaffen, um den Gründergeist, der hier vorhanden ist, wieder verstärkt zu unterstützen. Wir sind immerhin das Land der Tüftler.

In Sachen Vernetzung passiert bereits einiges im Land und ich bin überzeugt, dass der Startup Gipfel ein ganz wichtiger weiterer Schritt ist. Die Freiburger wissen vielleicht nicht, was man in Mannheim macht, die Tübinger nicht, was in Stuttgart geht. Wir wollen die Szenen noch besser miteinander vernetzen.

StaStu: Wir beobachten und treiben nun seit einigen Jahren die Startupszene und wir merken, dass die Dynamik und das Interesse daran deutlich gestiegen ist. Bezogen auf die Landesregierung scheint es auch so, dass sich so viele Leute wie noch nie um Digitalisierung, Startup und Innovation kümmern. Ist das so? Wäre es sinnvoll einen „Überkoordinierer“ zu haben?

Wirtschaftsministerin: Für die Gründerszene und Startups bin ganz klar ich verantwortlich. Im Bereich Technologietransfer aus der Hochschulen heraus sind natürlich die Hochschulen gefordert und das Wissenschaftsministerium, das da aber schon sehr aktiv ist.

StaStu: Haben Sie einen Wunsch an die Gründerszene?

Wirtschaftsministerin: Mein Wunsch an die Gründerszene ist, dass wir ganz offen und ehrlich gemeinsam in den Austausch gehen. Dass wir hier wirklich eng zusammen arbeiten und das passiert ja langsam auch wie z.B. bei den Digital Hubs oder Startup Stuttgart gemeinsam mit der Börse Stuttgart.

Und dann wüsche ich mir auch, dass die Szene diese Startup-Kultur vorlebt, die in Deutschland und auch in BaWü intensiviert werden muss. Wir sind ja sehr stark Perfektionisten. Aber man muss auch einfach mal anfangen mit einem Thema und das dann voranbringen und dann auch den Mut haben, mal mit einer unfertigen Lösung voranzugehen. Manchmal ist man eben erst im dritten Anlauf erfolgreich. Diese Kultur des Scheiterns braucht mehr Akzeptanz. Da denke ich, müssen wir auch in der Gesellschaft mehr dafür werben und da bin ich natürlich auch auf die Gründerszene angewiesen. Das ist ganz wichtig.

Und natürlich wünsche ich mir, dass auch speziell in den Zukunftsthemen noch mehr passiert. Bei der Startup Autobahn von Daimler wurden jetzt 13 Startups eingeladen und wieviel waren aus BaWü? Noch zu wenig! Klar, wir haben hier hochattraktive Arbeitsplätze, eine starke industrielle Basis. Das sind andererseits natürlich auch große Assets, die wir hier in BW haben, das hat Israel z.B. nicht. Deswegen ist das auch eine ganz andere Struktur und ein anderes System. Dennoch sehen ich ein großes Potential.

StaStu: Das sehen wir auch. Vielen Dank für das Gespräch und wir würden uns freuen, Sie mal beim Gründergrillen zu sehen.

Wirtschaftsministerin: Vielleicht klappt es sogar schon, dass ich abends beim Start-up-Gipfel noch dabei bin. 

Interview von Christoph Röscher (Startup Stuttgart e.V.)

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Synapticon – Erfolgreiches Hightech Startup aus der Region

Synapticon, ein dynamisches, internationales Startup aus der Region Stuttgart, mit weiteren Niederlassungen in Kalifornien und Serbien, entwickelt Soft- und Hardware, die dafür sorgt, dass bisher isolierte und statische Komponenten wie Elektromotoren, Sensoren und andere Geräte miteinander kommunizieren. Startup Stuttgart hat mit einem der Gründer, Nikolai Ensslen, über Meilensteine, Learnings und Bedingungen für Startups in der Region gesprochen.

Startup Stuttgart: Könnt ihr euch einmal kurz vorstellen? Was genau macht Synapticon? So dass es wirklich jeder versteht. Was macht euch gegenüber anderen Einzigartig?

Nikolai Ensslen: Zunächst kurz zu den Gründern. Ursprünglich waren wir ein Trio und kannten uns über die Uni schon privat. Alle drei brachten verschiedene Kompetenzen mit: Maschinenbau, Informatik und Elektronik. Wir hatten uns damals die Industrie angeschaut und festgestellt, dass es zwar seit vielen Jahren schon Roboter in der Industrie und auch in Privathaushalten gab, dass aber der richtig große Durchbruch noch auf sich warten ließ. Also haben wir uns mit dem Thema noch genauer beschäftig um herauszufinden, wo speziell bei den Robotik-Herstellern der Schuh drückt. Dabei fanden wir heraus, dass es zur Planung und Entwicklung eines Roboters vor allem die Steuerung große Herausforderungen mit sich bringt. Hier müssen Komponenten verschiedener Hersteller kombiniert werden, die Software machte Schwierigkeiten, die Kosten waren zu hoch, es fehlten Standards und die Entwicklung war sehr aufwändig. Außerdem waren die zentralen Steuerungssysteme meist klobige PCs und Servoregler, die über viele Kabel mit den Robotern verbunden waren. Und nicht zuletzt war auch der Transfer von Prototypen in die Serienfertigung oft extrem langwierig und teuer. Es gab also viele Blockaden, die eine schnellere Ausbreitung von Robotern verhinderten. Diese Hürden helfen wir zu überwinden, in dem wir einen Bausatz aus Hard- und Software entwickelt haben, der alle diese Herausforderungen meistert.

Startup Stuttgart:Bei euch tut sich viel in letzter Zeit, vor einigen Monaten wurde eine umfangreiche Kapitalerhöhung bekannt, ihr habt eure Struktur neu geordnet, Fokus Themen definiert und euch auch personell deutlich verstärkt. In einem Interview mit der StZ habt ihr einmal den Anspruch geäußert „Synapticon wolle für die Robotik das werden, was Intel für die Computer ist“ (siehe Stuttgarter Zeitung, Artikel vom 03.12.2016). Was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen um dieses Ziel zu erreichen? Habt ihr Tipps für andere Startups was die Suche von Investoren betrifft?

Bei uns geht es nun vor allem darum neue Strukturen in der Firma umzusetzen und diese zu leben. In den ersten Jahren waren viele im Team voll und ganz darauf fixiert immer wieder neues auszuprobieren, arbeiteten auf Zuruf und waren oft gleichzeitig an viele Baustellen aktiv. Auch in der Entwicklung waren wir sehr offen und haben oft versucht herauszufinden, was möglich ist, haben für Kunden sehr unterschiedliche Dinge gemacht. Nun aber müssen, wollen und werden wir zielgerichteter und strategischer arbeiten – auch intern. Wir werden unsere Produkte und Services klarer kategorisieren und standardisieren sowie die Organisation nach einem festen Plan aufbauen. Dazu gehört vor allem auch, dass wir jetzt vermehrt Mitarbeiter für die Bereiche Sales und Support einstellen..

In Sachen Investorensuche raten wir einerseits zu Selbstbewusstsein und andererseits dazu sich selbst vor allem aus wirtschaftlicher Sicht zu hinterfragen. Es sollte Gründern klar sein, dass eine kreative Idee noch lange kein attraktives Investment sein muss. Wer Investoren nicht in einem Satz erklären kann, welche Probleme er löst und warum viele dazu bereit sind, dafür zu bezahlen, der sollte sich nochmals Gedanken machen. Außerdem rate ich dringend zum Blick über den Tellerrand, über die eigene Region hinaus. In Deutschland sind es schon München und Berlin, wo die spannenden Ansprechpartner unterwegs sind, und natürlich im Silicon Valley und Tel Aviv. Aber auch aus Fernost kommt immer besser zugängliches Risikokapital, in der Ecke Shenzhen/Hong Kong trifft man z.B. auf interessante Kontakte. Sitzt nicht daheim und stellt Förderanträge, sondern seid unterwegs und netzwerkt global, das bringt euch weiter.

 

Nikolai Ensslen CEO

Startup Stuttgart: Zu Beginn des Jahres habt ihr euren Firmensitz von der Schwäbischen Alb in den Raum Stuttgart verlagert. Warum Stuttgart? Warum nicht gleich in die großen Startup Zentren wie z.B. das Silicon Valley – wo ihr ebenfalls eine Außenstelle besitzt?

Nun, zunächst die offensichtlichste Erklärung: Mit 40 Leuten zieht man mal nicht so schnell über den Großen Teich. Daneben aber gibt es auch andere Gründe. So ist für uns der Standort Stuttgart – trotz einiger Defizite – sehr attraktiv. Wir haben hier wichtige Kunden, Entwicklungspartner und Interessenten sowie eine passable Infrastruktur. Zudem ist Stuttgart in unserer Branche fast schon eine Marke, die einen eigenen Wert hat. Und nicht zuletzt gibt es auch eine gewisse Heimatverbundenheit, die ich nicht abstreiten will.

Im Moment erfüllt unsere Außenstelle im Silicon Valley seine Aufgaben so gut, dass ein Umzug des Hauptquartiers nicht zu Diskussion steht.

Startup Stuttgart: Seit 7 Jahren gibt es Synapticon nun bereits. Rückblickend betrachtet, was waren für euch die wichtigsten Learnings? Würdet ihr bei einer erneuten Gründung manche Dinge anders angehen?

Hier muss ich ganz klar zugeben, dass ich eine Aufgabe wirklich unterschätzt habe: das Recruiting bzw. den gesamten Themenkomplex rund um Human Resources. Hier würde ich jedem raten sehr früh eine klare Strategie zu verfolgen anspruchsvoll zu sein.. Bauchgefühl und Menschenkenntnis sind sicher viel wert, aber HR ist ein wesentlich komplexeres und strategischeres Thema, als ich zunächst dachte.

Punkt zwei ist die frühe Festlegung der anvisierten Finanzierungsstrategie. Auch da sind wir anfangs etwas herumlaviert und waren unentschlossen: Bootstrapping und organisches Wachstum oder doch den Schalter auf Finanzierung durch Investoren? Diese Frage haben wir nicht wirklich eindeutig geklärt und sind eine ganze Zeit lang zweigleisig gefahren, was ich im Rückblick kritisch sehe. Ich rate auch da zu einer klaren Strategie.

Generell: Eine Entscheidung ist immer besser als keine Entscheidung, selbst wenn sich später rausstellt, man hätte sie besser treffen können. Der Zustand mit keiner klaren Entscheidung ist auf jeden Fall die schlechteste Option.

 

Startup Stuttgart: Mit Oshra Rodav-Orpaz habt ihr euch ganz aktuell personell in Form einer COO Unterstützung aus Tel Aviv an Bord geholt. Viele sehen die Region um Tel Aviv als das neue Silicon Valley. Was erhofft ihr euch durch die neue Zusammenarbeit? Ist ein weiterer Standort für euch in Israel denkbar? 

Denkbar ist ein Standort in Tel Aviv auf jeden Fall. Dort gibt es viele spannende Unternehmen, das Thema „Robotik“ und „Technologie“ im Allgemeinen hat einen hohen Stellenwert und es gibt eine Vielzahl hervorragend qualifizierte Mitarbeiter. Außerdem ist die Gründer-Mentalität dort sehr stark ausgeprägt – da erscheint unsere Region doch eher als konservativ und bedächtig. Es spräche also vieles dafür.

Oshra haben wir jedoch nicht unbedingt wegen ihrer Herkunft an Bord geholt. Vielmehr bringt sie Eigenschaften und Erfahrungen mit, die für uns im nächsten Wachstumsschritt unverzichtbar sind. Sie hat in ihrer Zeit beim IT-Sicherheitsunternehmen Checkpoint in Israel ein sehr erfolgreich und extrem effektiv arbeitendes Unternehmen mit 4000 Leuten dabei begleitet international zu wachsen und dieses Wachstum in Bahnen zu lenken. Genau das brauchen wir jetzt. Außerdem denkt sie sehr strategisch und hat ein Talent dafür, die Ressourcen im Unternehmen bestmöglich zu koordinieren und zu nutzen. Dafür braucht man Erfahrung, eine entsprechende Qualifikation und Geschick: All das bringt sie mit. Zudem hat sie als Kollegin aus dem Ausland sicher auch ein sehr gutes Gespür für die Situation unserer vielen jungen ausländischen Mitarbeiter, die wir in den letzten Monaten nach Stuttgart locken konnten.

Startup Stuttgart: Es gibt immer wieder Diskussionen in der Szene über die „Bedingungen“ für Startups in der Region Stuttgart. Was sind eure Erfahrungen bisher? Würdet ihr noch einmal hier gründen?

Das Bild, das Stuttgart hier abgibt, ist ein gemischtes. Die Firmen hier stehen für Solidität, Qualität und zu einem gewissen Grad auch für Innovationen. In Stuttgart werden nicht so sehr Startups, eher schlicht direkt ernste Unternehmen gegründet. Das ist an sich eine gute Sache. Nur sind Risikobereitschaft, Offenheit für grundlegend neue Entwicklungen, wirtschaftlich-technologische Dynamik und groß zu denken nun nicht unbedingt die Eigenschaften, welche die Region und die hiesigen Unternehmen auszeichnen. Die geringe Risikobereitschaft wirkt sich auch auf die hiesige Investorenszene aus. Zudem hat Stuttgart als Metropole einfach noch nicht einen Charakter wie Berlin oder München, wo hohe Einsatzbereitschaft und ein attraktiver Lifestyle Hand in Hand gehen (work hard party hard). Dies sind allesamt keine unlösbaren Probleme und einige davon sind eventuell auch nur eine Frage der Außendarstellung, aber sie müssen angegangen werden, wenn aus Stuttgart wirklich wieder Erfindungen und Unternehmen von Weltrang kommen sollen. Es wird definitiv Zeit für einen neuen Daimler, Bosch oder Porsche.

Startup Stuttgart: Was sollte eurer Meinung nach in der Region geschehen um Hightech-Gründungen zu erleichtern?

Nun, also ich würde im ersten Schritt einen Blick auf die Situation in München wagen, wo anders als in Berlin viel mit Hardware passiert, die Interessen liegen also ähnlicher wie in der Stuttgarter Welt. Hier wurde und wird vieles richtig gemacht, vor allem wenn es darum geht, wie die Hochschulen dazu beitragen, dass immer wieder sehr spannende neue Firmen entstehen. TUM und LMU arbeiten dabei zudem gut zusammen: technische treffen auf wirtschaftliche Ambitionen. Als Absolvent möchte man heute dort entweder selbst eine Firma gründen oder aber in einem Startup arbeiten. In Stuttgart geht der Großteil noch klar in die Konzerne. Zudem gibt es in München eine Vielzahl ansässiger VC Gesellschaften, in Stuttgart sind es wenn man großzügig zählt drei.

Startup Stuttgart: Derzeit gibt es einiges an Bewegung in der Startup Szene in Baden-Württemberg u.a. hat die Landesregierung das Thema höher auf die Agenda geschoben. Am 14. Juli wird es den Startup-Gipfel BW (http://startup-stuttgart.de/startup-gipfel-baden-wuerttemberg/) geben, bei dem ihr ebenfalls präsent sein werdet, wie uns zu Ohren gekommen ist. Was würdet ihr dort dem Ministerpräsidenten und der Wirtschaftsministerin sagen, mit dem Ziel die Bedingungen für Gründer wie euch zu verbessern/ erleichtern?

Mein Wunsch an den Staat lautet: Weniger Staat. Das mag zunächst paradox klingen, da auch wir von staatlicher Unterstützung direkt und indirekt profitiert haben. Unterm Strich aber muss ich dennoch sagen, dass die Unterstützung und die Förderung durch die Privatwirtschaft für uns der größere Gewinn war. Praktiker können wesentlich besser beurteilen, wo es im Argen liegt, was zu tun ist und welchen Weg man einschlagen muss. Ich würde mir so gesehen wünschen, dass der Staat den Austausch zwischen Unternehmen fördert und Plattformen zu Vernetzung fördert ohne sich dabei selbst zu sehr einzubringen. Ähnlich sehe ich das auch mit der Finanzierung. Klar, staatlicher Fördertöpfe sind auf den ersten Blick toll, aber weder vom Volumen her noch vom Grundgedanken her effizient. Ich wünsche mir ein Modell des israelischen Angel Laws, bei dem Menschen, die ihr Vermögen in Startups investieren, steuerlich entlastet werden. Davon würde ich mir einen immensen Schub versprechen.

Startup Stuttgart: Zum Schluss, sucht ihr aktuell Mitarbeiter? Wer soll sich bei euch melden?

Wir suchen ständig Embedded Hard- und Softwareentwickler und derzeit insbesondere Applikations- und Vertriebsingenieure. Dazu kommen Regelungstechniker, von denen wir dringend mehr benötigen. Darüber hinaus suchen wir Fachleute in der Robotik-bezogenen künstlichen Intelligenz, das heißt vor allem auch mit Kenntnissen und praktischen Erfahrungen in Maschine Vision und Deep Learning. In all diesen Bereichen brauchen wir sowohl erfahrene Kandidaten als auch Absolventen, die neugierige sind und Lust auf „Learning by Doing“ haben, denn bei Synapticon betreten wir fast täglich Neuland.

Startup Stuttgart:Vielen Dank für die Zeit und das ausführliche Interview!

Synapticon wird auch am Startup Gipfel am 14. Juli auf der Landesmesse vor Ort sein. 

Interview von Franziska Müller (Startup Stuttgart e.V.)