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Die Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, Baden-Württemberg zu einem der führenden Startup Regionen Europas zu entwickeln. Frau Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst BaWü, und Frau Hoffmeister-Kraut, Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau BaWü, haben dafür in ihren Ministerien diverse Aktivitäten gestartet.
Die Ministerinnen waren am Demo Day der Initiative Gründermotor vor Ort und wir haben das als Anlass genutzt, um mal nachzufragen wie das Zwischenfazit lautet.

Startup Stuttgart: Frau Ministerin Bauer, Frau Ministerin Hoffmeister-Kraut im gemeinsamen Koalitionsvertrag haben sie in 2016 den Anspruch definiert „Wir werden Baden-Württemberg zur dynamischsten Gründerregion Europas machen.“ Woran werden sie am Ende der Legislaturperiode in 2021 entscheiden, ob die Regierung das Ziel erreicht hat und wie fällt ihr Zwischenfazit nach fast genau 3 Jahre nach Veröffentlichung des Koalitionsvertrags aus?

Hoffmeister-Kraut: Es hat sich in den letzten drei Jahren bereits vieles sehr positiv entwickelt. Mit der Landeskampagne „Start-up BW“ ist es uns gelungen, nahezu alle Partner und alle wesentlichen Angebote unter einem Dach zu bündeln und eine Community mit einem gemeinsamen Verständnis zu entwickeln. Diesen „neuen Spirit“ und die vielen neu eingeführten Instrumente tragen wir jetzt weiter in die Breite. Klar ist aber auch, dass hier große Kontinuität gefragt ist. Mit „Start-up BW@School“ bringen wir beispielsweise Gründerinnen und Gründer von Start-ups als Vorbilder mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch. Das begeistert Jugendliche für die berufliche Selbstständigkeit und fördert bereits heute das Unternehmertum von morgen. Solche Formate sind natürlich langfristig ausgerichtet.

Ministerin Hoffmeister-Kraut

Bauer: In den letzten Jahren haben zahlreiche Maßnahmen des Wissenschafts- und Wirtschaftsministeriums erfolgreich dazu beigetragen, die Gründerszene in Baden-Württemberg neu zu beleben. Ich sehe einen großen Mehrwert im Förderprogramm „Gründungskultur in Studium und Lehre“. Mit diesem bundesweiten Programm unterstützen wir die Hochschulen dabei, Studierende möglichst früh für die unternehmerische Selbständigkeit zu begeistern. Im Landeshochschulgesetz gibt es jetzt die Möglichkeit für Hochschulen, Ausgründungsvorhaben ihrer Studierenden, Absolventinnen und Absolventen und ihrer Beschäftigten für bis zu drei Jahre innerhalb der Hochschule Raum zu geben. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer werden damit gerade in der ersten Phase der Unternehmensentwicklung unterstützt.

Startup Stuttgart: Wenn sie auf BaWü im Vergleich zu den anderen Bundesländern schauen, wo sehen sie die Stärken, Schwächen ggü. den anderen Ländern? Womit wollen sie punkten, um die besten Gründer zu halten oder nach BaWü zu holen?

Hoffmeister-Kraut: Unser Gründungsgeschehen ist sehr vielschichtig und wesentlich stärker auf B2B konzentriert als im Silicon Valley, in China oder in Berlin. Bei uns sind Gründungen außerdem nachhaltiger und geographische recht gleichmäßig im Land verteilt. Wir sind mit unseren vielen „Hidden Champions“ im Mittelstand und großen Industrieunternehmen gut aufgestellt. Doch im digitalen Zeitalter sind es immer öfter junge und agile Start-ups, von denen disruptives Geschehen ausgeht. Bei der Weiterentwicklung des Gründerlands Baden-Württemberg setze ich deshalb auch auf die bessere Zusammenführung von Start-ups, Mittelstand und Corporates. Baden-Württemberg muss den nationalen und internationalen Wettbewerb noch offensiver annehmen und seine besonderen Stärken als Start-up-Standort für innovative und technologieorientierte Gründungsvorhaben besser vermarkten. Als „the Place 4B2B“ gelingt es uns zunehmend, auch auf internationalen Messen und Start-up-Festivals wie Slush oder South by Southwest zu punkten.

Bauer: Einmalig in ganz Baden-Württemberg ist, dass bodenständige Großkonzerne mit internationaler Ausrichtung mit Technologiebegeisterten, kreativen Gründerinnen und Gründern zusammentreffen. Die großen Unternehmen haben das Potenzial der „Start-up-Generation“ verstanden. Und durch die räumliche Nähe entsteht auch ein ganz eigenes Innovationsgefüge.

Grundlage dessen ist – und das ist aus meiner Sicht der wohl nachhaltigste Wettbewerbsvorteil –, dass Forschung und Innovation in Baden-Württemberg sowohl in der Spitze als auch in der Breite wettbewerbsfähig aufgestellt sind. Die dezentrale Hochschul-, Forschungs- und Innovationslandschaft stellt sicher, dass es in allen Regionen Hochschulen (Universitäten aber auch Hochschulen) mit breiter fachlicher Ausrichtung gibt, die als regionale Innovations- und Gründungszentren wirken können.

Startup Stuttgart: Das Feedback aus der Startup Community ist trotz vieler angestoßener Aktivitäten der Landesregierung eher zurückhaltend. Ist das aus ihrer Sicht nur ein „Kommunikationsproblem“ oder gibt es auch Anlass zur Selbstkritik?

Ministerin Bauer

Bauer: Es besteht kein Anlass zur Selbstkritik, aber wir wissen, dass mehr erfolgreiche Gründungen nach wie vor nötig sind. Wir versuchen immer, unsere Maßnahmen noch besser auf die Bedürfnisse der Gründerinnen und Gründer abzustimmen. Dafür dienen auch regelmäßige Workshops, wo sich Hochschulen mit Start-ups austauschen. Erfolgreiches Beispiel ist das Förderprogramm „Junge Innovatoren“ des Wissenschaftsministeriums und Wirtschaftsministeriums, in dem mehr als 260 innovative Gründungsideen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen gefördert werden konnten. Es hat die Bedürfnisse der Start-ups gedeckt und war darüber hinaus Vorbild für das EXIST-Gründungsstipendium.

Hoffmeister-Kraut: Über 5.000 Teilnehmende beim „Start-up BW Summit 2019“ sind für mich kein zurückhaltendes Feedback. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass an vielen Orten eine neue Aufbruchsstimmung entstanden ist. Gründungskultur kann aber nicht isoliert als Aufgabe der Politik betrachtet werden. Auch Unternehmen, private Investoren, die Kommunen, Kammern und Verbände, letztlich alle Beteiligten müssen ein anderes Verständnis von Risiko und Start-up-Unterstützung entwickeln, wenn wir die Gründungsdynamik spürbar erhöhen wollen. Solch ein Kulturwandel vollzieht sich nicht von heute auf morgen. Dafür setzten wir zum Beispiel mit Start-up BW Pre-Seed und unserem Start-up BW Summit starke, durchaus auch international beachtete Impulse, für die wir sehr viele positive Rückmeldungen aus der Start-up Community erhalten.

Startup Stuttgart: Frau Bauer, in anderen Ländern (z.B. USA, Israel) sind Hochschulen die wichtigste Keimzelle für Startups. Wir, wie andere auch, sehen hier einen großen Nachholbedarf in BaWü Studenten für das Gründen zu begeistern und auch dabei zu unterstützen. Gibt es hier Ideen wie Sie das nicht nur über Programme an Hochschulen fördern, sondern auch gezielt einfordern können?

Bauer: Kreativität kann man nicht diktieren und Risikobereitschaft nicht verordnen, aber beides kann mit Angeboten an den Hochschulen gefördert werden. Mit dem Programm „Gründungskultur in Studium und Lehre“ werden die Hochschulen ermutigt, das Gründungsthema früh im Studium zur Sprache zu bringen und auch curricular einzubinden. Das Programm läuft sehr gut. Einige Hochschulen erreichen mittlerweile alle Studierenden schon im ersten Semester. Wir haben daher die Förderung der laufenden Projekte über das Jahr 2019 hinaus verlängert und unterstützen nunmehr insgesamt 23 Hochschulen.

Startup Stuttgart: Wir bekommen viele Anfragen um z.B. Investoren mit Gründern zu vernetzen. Leider gibt es heute keine Übersicht von Startups die aus Hochschulen heraus gegründet wurden, könnte man nicht so eine Liste mit allen Startups veröffentlichen?  

Bauer: Wir arbeiten gemeinsam daran, die Hochschulen und deren Startups im Rahmen der Landeskampagne Start-up BW sichtbarer zu machen. Dennoch: Nur eine Liste im Internet kommt der Dynamik bei den Ausgründungen nicht entgegen. Gerade in der frühen Phase einer Gründung steht sehr viel auf dem Spiel.

Eine Datenbank ist eher ein ergänzendes Instrument. Wichtiger ist es, Investoren und Gründerinnen und Gründer besser zu vernetzen. Beispiel ist der Wettbewerb Start-up BW ASAP, der im letzten Wintersemester erstmalig erfolgreich durchgeführt wurde. Insgesamt 61 Gründerteams aus 22 Hochschulen haben sich beteiligt.

Mit solchen Programmen oder Formaten gelingt es, den spannendsten Gründungsprojekten aller baden-württembergischen Hochschulen landesweite Sichtbarkeit und damit Zugang zu Investoren und Partnern zu bieten. 

Startup Stuttgart: Im Großraum Stuttgart gibt eine Vielzahl von Hochschulen, was spricht dagegen ein gut ausgestattetes Gründungszentrum über alle Hochschulen zu etablieren und damit auch die Vernetzung (auch zwischen den Studenten) zu verbessern, anstatt an jeder Hochschule eigene kleine „Insel-Zentrum“ zu betreiben?

Bauer: Wir brauchen beides: Leuchttürme und Lagerfeuer. Der Einstieg in das Gründungsthema muss so einfach wie möglich sein. Studierende benötigen auf direktem Wege Ansprechpartner, die auch auf kleineren Veranstaltungen da sind. Es gibt schöne Ansätze mit Makerspaces und Containern mit räumlicher Präsenz in unmittelbarer Nähe zur Cafeteria, wo sich die Studierenden zwischendurch aufhalten. Das sind die Lagerfeuer.

Gleichzeitig denke ich, dass Stuttgart ein echter Leuchtturm guttut. Erst letztes Jahr war ich in Paris zu Besuch beim weltweit größten Startup-Campus „Station F“. Ein solches, international sichtbares Gründerzentrum ist ein Magnet, auch für internationale Gründer und Investoren.

Für einen solchen Leuchtturm braucht es ein nachhaltiges Konzept, das auch die vorhandenen Gründungskapazitäten vor Ort berücksichtigt. Mit der Startup Autobahn in der ARENA 2036, dem Innovationscampus „Cyber Valley“, den Gründungs- und Beratungsstrukturen an den Hochschulen aber auch den diversen Inkubatoren, Accleratoren und Co-Working-Spaces wie z.B. dem Code_n Spaces oder dem Wizemann Areal bieten sich in Stuttgart zahlreiche und vielfältige Anknüpfungspunkte.

Ich sehe allerdings auch die Privatwirtschaft in der Pflicht. In großen internationalen Start-up Zentren arbeiten Politik und Wirtschaft Hand in Hand. Es bedarf gemeinsamer Finanzierungskonzepte und eines abgestimmten Vorgehens.   

Startup Stuttgart: Frau Hoffmeister-Kraut mit Startup BW haben Sie vor rund 2 Jahren eine Dachmarke für Startup Aktivitäten BaWü geschaffen und der Startup Summit wurde bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr ausgetragen. Sind Sie mit den Ergebnissen bisher zufrieden?

Hoffmeister-Kraut: Auf jeden Fall, das Konzept unserer neuen Landeskampagne beinhaltet eine ganze Reihe von neuen Instrumenten, beispielsweise unsere Start-up Acceleratoren, unsere neue Frühphasenfinanzierung „Start-up BW Pre-Seed“ oder „Start-up BW Local“. Unser Wettbewerb für „Gründungsfreundliche Kommunen“ ist in dieser Form europaweit einzigartig. Bewährte Angebote, zum Beispiel die Innovations- und die Beratungsgutscheine, haben wir in das neue Konzept zur Gründungsförderung integriert. Besonders erfolgreich war unser 2. Start-up BW Summit mit über 350 Start-ups aus Baden-Württemberg und vielen internationalen Gästen. Und ich kann Sie schon heute zu unserem nächsten Start-up BW Summit im Juli 2020 einladen. Der wird, so viel kann ich schon verraten, noch internationaler ausgerichtet sein.

Startup Stuttgart: Sie haben sich auf ihren Delegationsreisen in Israel, China, Baltikum, USA auch immer mit dem Thema Startup auseinandergesetzt. Was haben Sie dort gesehen, wo einerseits die Politik in D/BaWü bessere Rahmenbedingungen setzen sollte und wo sehen Sie auch Eigenverantwortung bei der Community? 

Hoffmeister-Kraut: Es ist beindruckend, welche Dimension und konsequente Geisteshaltung bei der Umsetzung des Innovationstransfers durch Start-ups gerade in Israel oder im Silicon Valley herrscht. Bei „Start-up BW Pre-Seed“ hat uns ein israelisches Programm sehr inspiriert. Ich bin überzeigt, dass wir uns an den besten und erfolgreichsten Start-up-Ökosystemen orientieren und mit diesen kooperieren sollten, um auf internationales Top-Niveau zu kommen. Dass Israel beim Summit unser Partnerland und mit 20 Start-ups in Stuttgart vertreten war, ist ein sehr guter Schritt. Und auch wenn die Landesregierung vieles unternimmt und wichtige Impulse setzt – erfolgreich sind wir nur gemeinsam. Ein zentrales Element von „Start-up BW“ ist eine noch bessere Vernetzung und Unterstützung der Akteure aus den Start-Up-Ökosystemen in Baden-Württemberg und der enge Austausch mit der Start-up Community. Das setzt voraus, dass sich auch vor Ort Menschen dafür begeistern und einsetzen. An dieser Stelle daher mein ausdrücklicher Dank an alle, die sich ehrenamtlich beim Start-up-Stuttgart e. V. engagieren.

Bauer: Ich habe bis heute zahlreiche Start-up Hot-Spots besucht und habe mich mit den dortigen Akteuren unterhalten. Eine „one-size fits all“ Formel gibt es nicht. Jedes Ökosystem hat sich aus den spezifischen Rahmenbedingungen entwickelt und vermeintliche Nachteile zu ihrem Vorteil genutzt. Was aber alle vereint, ist der grundsätzliche Glaube daran, dass „the next big thing“ direkt hinter der nächsten Ecke liegt. Das Vertrauen darauf, dass aus jeder Idee ein erfolgreiches Unternehmen werden kann, erzeugt ein ganz eigenes, offenes Gründungsklima.

Was mir gerade in den USA aufgefallen ist: Unternehmerinnen und Unternehmer denken sehr frühzeitig an den internationalen Markt, z.B. in Asien. Auch wenn es in Baden-Württemberg aufgrund seiner starken KMU-Ausprägung zahlreiche potentielle Kunden gibt, sollten auch junge Gründer frühzeitig global denken. 

Startup Stuttgart: Die Geschäftsmodelle von Startups hängen nicht immer mit der Digitalisierung zusammen, aber natürlich bietet die Digitalisierung große Chancen die wir auch im Ländle nutzen sollten. Gleichzeitig herrscht bei uns in vielen Bereichen eher Schneckentempo. Als Wirtschaftsministerin sind Sie ja auch daran interessiert gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Wann kann man denn endlich mal im ICE oder im Auto von Stuttgart nach Laiz ohne Funkabbruch telefonieren und surfen?

Hoffmeister-Kraut: Für das Hightech-Land Baden-Württemberg ist eine möglichst flächendeckende Mobilfunkversorgung von zentraler Bedeutung. Es ist die Aufgabe der Telekommunikationsunternehmen, für eine angemessene und ausreichende Mobilfunkabdeckung zu sorgen. Ein vollständiger Lückenschluss im Mobilfunknetz wird dennoch wohl nur mit Unterstützung der öffentlichen Hand möglich. Die Bundesregierung hat angekündigt, dass sie bis zum Sommer 2019 eine Gesamtstrategie für einen möglichst flächendeckenden Mobilfunk vorlegen wird. Aber mir ist in noch ein anderer Aspekt sehr wichtig: Das Mobilfunknetz kann nur dann den erforderlichen Standard erreichen, wenn in der Bevölkerung auch die Akzeptanz für zusätzliche Mobilfunkmasten vorhanden ist. Wer ein leistungsfähiges Mobilfunknetz möchte, muss grundsätzlich auch bereit sein, einen Sendemast vor der eigenen Tür zu akzeptieren. Ansonsten werden wir keine flächendeckende Mobilfunkversorgung in Baden-Württemberg hinbekommen.

Startup Stuttgart: Der Anlass des Gesprächs heute ist die Initiative Gründermotor in Stuttgart. Was erhoffen sie sich von der Initiative?

Gewinner Jury Preis mit Helmut Schelling (Vector), Ministerin Bauer und Hoffmeister-Kraut

Bauer: Die Gründermotor-Initiative kann dazu beitragen, die Hochschulen im Bereich der Gründungsunterstützung noch besser miteinander zu vernetzen und gleichzeitig vielversprechenden Gründungsvorhaben bis zum erfolgreichen Markteintritt zu unterstützen. Sie kann auch dazu beitragen, dass ein „Gründungsmiteinander“ entsteht.

Hoffmeister-Kraut: Der Technologietransfer durch Ausgründungen von Start-ups aus Universitäten und Hochschulen spielt eine wichtige Rolle. Hier stehen Frau Bauer und ich in einem engen Austausch. Wichtig ist, die Förderangebote auf dem Campus in eine ganzheitliche Konzeption der baden-württembergischen Gründungsförderung einzubetten. Gerade an diesen Schnittstellen kann die Initiative Gründermotor in Stuttgart einen positiven Beitrag leisten.

Startup Stuttgart: Worauf werden sie heute beim Demo Day genau schauen, bzw. was interessiert sie heute besonders?

Hoffmeister-Kraut: Ich bin ich sehr gespannt auf die Gespräche mit den anwesenden Start-ups, auf ihre Geschäftsmodelle und darauf zu erfahren, wie sie mit ihren Ideen den zukünftigen Herausforderungen begegnen wollen.

Bauer: Ganz besonders freue ich mich auf die kreativen Gründungsideen. Ich bin gespannt, welche Lösungen die jungen Studierenden für die Probleme und Herausforderungen der Zukunft entwickelt haben. Ich will auch mit den Gründerinnen und Gründern und mit den Investoren ins Gespräch kommen.

Startup Stuttgart: Was genau ist ihre Rolle bei Gründermotor?

Bauer: Gemeinsam mit meiner Kollegin, Frau Dr. Hoffmeister-Kraut, begleite ich die Entwicklung und Umsetzung der Gründermotor-Initiative von Anfang an. Da wir vom Mehrwert der Initiative überzeugt sind, haben wir uns bereit erklärt, die Schirmherrschaft für den DemoDay der ersten Meisterklasse zu übernehmen. Und wir unterstützen Herrn Dr. Schelling und Herrn Thoma bei der Weiterentwicklung der Initiative.   

Hoffmeister-Kraut: Ganz genau, das machen wir natürlich sehr gerne, denn diese Initiative setzt einen wichtigen Impuls zur Stärkung der Gründungsaktivitäten an den Hochschulen der Region Stuttgart. Sie trägt dazu bei, dass wir mit vereinter Kraft die Gründungskultur vorantreiben.

Startup Stuttgart: Soll das ein Modell für ganz BaWü werden?

Bauer: Ich könnte mir grundsätzlich vorstellen, dass in die Gründermotor-Initiative weitere Hochschulpartner auch außerhalb des Großraums Stuttgart aufgenommen werden. In der Flexibilität der Initiative sehe ich hier einen großen Vorteil.   

Startup Stuttgart: Jeden Monat betreiben wir das Gründergrillen in Stuttgart und erreichen so pro Jahr bis zu 1000 Gründer und Gründungsinteressierte. Wir würden uns freuen sie mal vor Ort zu begrüßen.

Hoffmeister-Kraut: Ich nutze solche Gelegenheiten gerne und bewusst im ganzen Land, um mit Gründerinnen und Gründern möglichst häufig ins Gespräch zu kommen. Ich freue mich über die Einladung und bin gerne am 8. Juli dabei, wenn auch das Landesfinale unseres Start-up BW Elevator Pitch stattfindet.

Startup Stuttgart: Wir freuen uns darauf. Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Andreas Dalferth

Gerade noch vor dem Startup Gipfel hatten wir die Möglichkeit die Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg für ein Interview zu gewinnen.

Frau Hoffmeister-Kraut ist in Balingen geboren und hat in Tübingen und Würzburg studiert. Sie verbrachte beruflich ein paar Jahre in London, bevor Sie zurück in Deutschland im eigenen Familienunternehmen tätig wurde.

Erst 2009 trat sie in die CDU ein und nach Gemeinderat und Kreistag wurde sie dann bereits 2016 Wirtschaftsministerin im „Ländle“. Startup, Gründerkultur und die Transformation der Wirtschaft in BW sind Themen die sie beschäftigen. Vor wenigen Monaten vebrachte sie mit Herrn Ministerpräsident Kretschmann und einer Delegation einige Tage in Israel um mehr über die Erfolgsfaktoren der Startup-Nation zu erfahren. Am 14. Juli soll auf dem Startup-Gipfel die Landeskampagne BW vorgestellt werden.

 

StaStu: Frau Ministerin, Sie sind ja noch nicht so lange in der Politik und dann in kürzester Zeit Wirtschaftsministerin in BaWü geworden. Wie ist es denn für Sie aus der Wirtschaft kommend?

Wirtschaftsministerin: Es war wirklich ein Start von 0 auf 100 – gerade für mich als Quereinsteigerin. Für mich ist es eine große Ehre und ich mache die Aufgabe sehr gern. Mit vielen Themen hatte ich ja auch schon in meinem früheren Berufsleben zu tun.

Wir haben im ersten Jahr auch schon vieles auf den Weg gebracht und erreicht. Sei es im Bereich Wohnungsbau, aber auch im Bereich der Digitalisierung und ich freue mich sehr auf unseren Startup-Gipfel am 14 Juli. Da werden wir neue Akzente für die Gründerszene setzen. Deswegen kann ich da heute noch nicht zu viel verraten, um die Spannung nicht vorweg zu nehmen.

StaStu: Was sind denn Ihre Erwartungen an den Gipfel? Wann ist es ein Erfolg?

Wirtschaftsministerin: Der Gipfel soll der Auftakt sein. Das große Thema: Wir müssen sichtbarer werden, um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Wir müssen uns aber auch besser vernetzen. Ich denke, dafür setzt der Gipfel den ersten Meilenstein. Natürlich müssen wir das Thema Startup dann weiter auf diesem hohen Niveau vorantreiben.

Am Gipfel präsentieren sich die Gründerszene und viele Akteure, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen in BaWü engagieren. Ich sehe es auch als eine unserer Hauptaufgaben, dass wir die Aktivitäten die im Land stattfindenund es passiert ja schon viel besser bündeln, Ansprechpartner definieren und Netzwerke aufbauen, damit hier noch mehr passiert. Das ist jetzt die große Aufgabe: Das Startup Land Baden-Württemberg besser aufzustellen, nach innen und nach außen.

StaStu: Das heißt aber auch, es wird nach dem Gipfel Folgeaktivitäten geben? Wenn wir zu unserem Nachbarland Bayern schauen, die sind z.B. auf vielen internationalen Events bereits heute präsent. Wird sich da BW zukünftig auch stärker international engagieren?

Wirtschaftsministerin: Absolut. Wir wollen auch international für den Standort werben, denn wir stehen ja auch im internationalen Wettbewerb. Nicht nur um Wagniskapital, sondern auch um die besten Ideen. Wir wollen auch Startups und Menschen nach BaWü holen, um ihre Ideen hier weiter zu entwickeln. Wir haben hier eine ganz großartige Ökosphere, wo man von vielen Bereichen profitieren kann. Und das ist das große Ziel und deswegen werden wir auch ganz bewusst die Internationalisierung weiter nach vorne treiben, unter anderem auch durch solche Events und Veranstaltungen, um dort BaWü zu präsentieren.

StaStu: Was sind denn aus Ihrer Sicht Stärken des BaWü Ökosystem?

Wirtschaftsministerin: Eine große Stärke ist, dass wir so eine starke Forschungsinfrastruktur haben, vor allem im Bereich der angewandten Forschung. Da sind wir so gut aufgestellt wie fast keine andere Region. Und das ist ja gerade für Startups wichtig, die neue Ideen generieren, Sparringspartner zu haben. Positiv ist sicherlich auch, dass auch aus den Forschungseinrichtungen selbst, im engen Austausch mit der Industrie, neue innovative Projekte entstehen. Das hat sich bewährt.

StaStu: Sind Sie zufrieden oder sollte da noch mehr herauskommen?

Wirtschaftsministerin: Wir sind da gerade in der Abstimmung mit Frau Bauer (Ministerin für Hochschulen, Forschungs- und Kunsteinrichtungen). Wir haben gute Forschungsinstitute und Hochschulen und wir werben auch an den Schulen. Das ist auch wichtig, um Unternehmertum und Gründergeist zu fördern. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel so genannte Schüler– und Juniorenfirmen, die in vielen Schulen angeboten werden. Wir haben viele Aktivitäten.

Was ich mir in diesem Bereich noch wünsche ist, dass wir die Strukturen noch stringenter ausrichten. Das geht von Technologietransfer bis hin zu Startups und Gründerszene. Da passiert an der einen oder anderen Stelle viel, an der anderen noch nicht. Ich denke, da muss man ansetzen und Gespräche suchen.

Das hat mich in Israel so beeindruckt, dass die Technologietransferzentren haben und ganz stringent ausgerichtet an jeder Hochschule das gleiche System und da natürlich auch Zuständigkeiten definiert haben. Der Erste kümmert sich um die Ideengenerierung, der Nächste um die Weiterentwicklung, der Dritte kümmert sich um die Prototypenfertigung, der Vierte um die Vermarktung und der Fünfte um die Kapitalgewinnung und ich denke dieser Prozess muss bei uns noch besser strukturiert werden.

MP Kretschmann und WMin Hoffmeister-Kraut in Israel. Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg

StaStu: In Israel hat man den klaren Anspruch globale Bestseller zu generieren? Ist das bei uns auch so?

Wirtschaftsministerin: Das ist in BaWü auch schon passiert (lacht) und passiert immer wieder. Da sind wir wirklich vorzeigbar.

Wir haben andere Rahmenbedingungen. Man kann uns nicht mit Israel oder dem Silicon Valley vergleichen. Das sind gewachsene Systeme. Wir haben auch unsere Stärken in BaWü. Der gewachsene Mittelstand, die starke Forschungsinfrastruktur. Wir sind natürlich eher im B2B Bereich stark, der häufig sehr kapitalintensiv ist. Wir haben aber auch ein Stück weit eine andere Mentalität, geprägt von langfristigem Denken. Man will ein Familienunternehmen gründen und nicht nach 2 Jahren den Exit – was ja auch für Nachhaltigkeit steht. Wir versuchen die Szene in allen Bereichen zu unterstützen und wir sehen das natürlich auch unter dem Aspekt Arbeitsplätze der Zukunft und Beschäftigung zu sichern und damit langfristig auch den Wohlstand in BaWü.

Ich bin überzeugt, wir können noch mehr marktreife Produkte generieren, Startups und Gründer unterstützen, wenn wir noch bessere Strukturen schaffen.

StaStu: Forschung ist das eine, aber vermarktbare Produkte das andere…

Wirtschaftsministerin: Genau, das ist absolut nicht das Gleiche. Deswegen muss man hier in den engen Austausch gehen. Da gibt es aber natürlich keine Blaupause. Aber wir haben die Kompetenz, wir haben die Menschen, wir haben das Engagement. Es ist möglich und wir haben ja z.B. auch das Cyberforum in Karlsruhe als gutes Beispiel.

StaStu: Karlsruhe ist ein gutes Stichwort, wir haben auch unsere Mitglieder gefragt, was würdet ihr gerne von der Ministerin wissen? Da kam dann z.B. die Frage: Wie sehen Sie denn Stuttgart?

Wirtschaftsministerin: Ich sehe in Stuttgart viele Aktivitäten wie z.B. Startup Stuttgart als eingetragener Verein und es gibt hier auch viele Persönlichkeiten, die sich hier engagieren, die auf ein starkes Netzwerk zurückgreifen können. Und allein aus dieser Trägerschaft entsteht schon viel. Ich weiß auch von einigen Konzepten, die derzeit in Stuttgart entwickelt werden und das sind auch Projekte, die ich als Wirtschaftsministerin unterstütze.

Vertreter der Stuttgarter Startup Szene mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut In Israel (Winfried Richter, Adrian Thoma, Alec Rauschenbusch, Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut, Christoph Röscher, Arndt Upfold)

StaStu: Mannheim ist ja auch sehr aktiv: allein 8 städtische Gründungszentren.

Wirtschaftsministerin: Da kann man sicherlich mal in den Austausch gehen. Mannheim ist natürlich auch in einer besonderen Situation gewesen durch den starken Strukturwandel. Aber die sind jetzt gut aufgestellt. Da muss man in Stuttgart auch etwas an die Zukunft denken und da stehen wir auch vor einigen Herausforderungen.

Ich war jetzt vor kurzem erst in Ulm, die haben schon lange mit dem Technologieförderungsunternehmen TFU ein Innovations- und Gründerzentrum und seit neuestem das Verschwörhaus, ein Experimentierfeld für Digitales. Da passiert viel und ich weiß, dass auch hier in Stuttgart schon viel läuft und weitere Konzepte in der Pipeline sind.

Ich war auch in Singapur und dieser Blk71 hat mich sehr beeindruckt. Die haben da wirklich einen richtigen Schmelztiegel geschaffen, da sind die Unternehmen direkt gegenüber vom Gründungszentrum.

Sie haben mich vorhin nach den Standortfaktoren BaWü gefragt. Unser starker Mittelstand, die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die auch in den verschiedensten Branchen stark aufgestellt sind und viele Weltmarktführer. Da haben wir die Möglichkeit, Partnerschaften einzugehen. Das können nur wenig Regionen auf dieser Welt bieten. Das ist ein absolutes Asset, was wie hier haben und das hat sich auch ganz klar in Israel gezeigt, wo ja sehr viel im HightechBereich geforscht und entwickelt wird. Die haben uns gesagt: „Wir brauchen jetzt strategische Partnerschaften“.

StaStu: Machen denn Firmen schon genug aus Ihrer Sicht?

Wirtschaftsministerin: Da hat eine enorme Dynamik eingesetzt. Aber natürlich unterstützen wir das auch. Ganz besonders im Fokus haben wir, die Vernetzung voranzutreiben. Wobei die großen Konzerne schon sehr aktiv sind. Daimler hat die Startup Autobahn gegründet, aber auch Bosch ist ja schon lange in der Startup-Welt aktiv. Unser Anspruch muss sein, dass wir auch als BaWü auf dieser Weltkarte der Startup Ökosysteme erscheinen.

StaStu: Eine erfolgreiche Gründerszene, braucht Kapital, Hochschulen, usw. und vor allem braucht es die Gründer, die bereit sind, das Risiko einzugehen. Und gerade hier in der Region, wo es relativ leicht ist zu den großen Firmen zu gehen anstatt zu gründen, gibt es eine Frage von einem Mitglied, ob es denn Überlegungen gibt, das Gründen einfacher zu machen, bzw. da das persönliche Risiko zu reduzieren

Wirtschaftsministerin: Das sind natürlich auch Themen, an denen wir dran sind, wobei viele Zuständigkeiten hier beim Bund liegen. Z.B: steuerliche Erleichterungen, man hat ja jetzt auch für Investoren die Abschreibungsmöglichkeiten erweitert für Investitionen in Startups. Das ist zumindest mal ein erster Schritt, den wir in Deutschland gemacht haben ebenso wie die Möglichkeit, bei der Körperschaftsteuer den Verlustvortrag abzuziehen. Das denke ich ist ein erster Schritt und bei anderen Themen sind wir natürlich immer dabei zu überlegen, wie wir da nachsteuern können. Aber ich meine, dass das Geld bei uns im Augenblick nicht das Hauptthema ist. Es ist gerade sehr viel Wagniskapital am Markt.

Wir müssen schauen, dass wir das vorhandene Potential, das bei uns ist, besser nutzen, dass wir Strukturen schaffen, um den Gründergeist, der hier vorhanden ist, wieder verstärkt zu unterstützen. Wir sind immerhin das Land der Tüftler.

In Sachen Vernetzung passiert bereits einiges im Land und ich bin überzeugt, dass der Startup Gipfel ein ganz wichtiger weiterer Schritt ist. Die Freiburger wissen vielleicht nicht, was man in Mannheim macht, die Tübinger nicht, was in Stuttgart geht. Wir wollen die Szenen noch besser miteinander vernetzen.

StaStu: Wir beobachten und treiben nun seit einigen Jahren die Startupszene und wir merken, dass die Dynamik und das Interesse daran deutlich gestiegen ist. Bezogen auf die Landesregierung scheint es auch so, dass sich so viele Leute wie noch nie um Digitalisierung, Startup und Innovation kümmern. Ist das so? Wäre es sinnvoll einen „Überkoordinierer“ zu haben?

Wirtschaftsministerin: Für die Gründerszene und Startups bin ganz klar ich verantwortlich. Im Bereich Technologietransfer aus der Hochschulen heraus sind natürlich die Hochschulen gefordert und das Wissenschaftsministerium, das da aber schon sehr aktiv ist.

StaStu: Haben Sie einen Wunsch an die Gründerszene?

Wirtschaftsministerin: Mein Wunsch an die Gründerszene ist, dass wir ganz offen und ehrlich gemeinsam in den Austausch gehen. Dass wir hier wirklich eng zusammen arbeiten und das passiert ja langsam auch wie z.B. bei den Digital Hubs oder Startup Stuttgart gemeinsam mit der Börse Stuttgart.

Und dann wüsche ich mir auch, dass die Szene diese Startup-Kultur vorlebt, die in Deutschland und auch in BaWü intensiviert werden muss. Wir sind ja sehr stark Perfektionisten. Aber man muss auch einfach mal anfangen mit einem Thema und das dann voranbringen und dann auch den Mut haben, mal mit einer unfertigen Lösung voranzugehen. Manchmal ist man eben erst im dritten Anlauf erfolgreich. Diese Kultur des Scheiterns braucht mehr Akzeptanz. Da denke ich, müssen wir auch in der Gesellschaft mehr dafür werben und da bin ich natürlich auch auf die Gründerszene angewiesen. Das ist ganz wichtig.

Und natürlich wünsche ich mir, dass auch speziell in den Zukunftsthemen noch mehr passiert. Bei der Startup Autobahn von Daimler wurden jetzt 13 Startups eingeladen und wieviel waren aus BaWü? Noch zu wenig! Klar, wir haben hier hochattraktive Arbeitsplätze, eine starke industrielle Basis. Das sind andererseits natürlich auch große Assets, die wir hier in BW haben, das hat Israel z.B. nicht. Deswegen ist das auch eine ganz andere Struktur und ein anderes System. Dennoch sehen ich ein großes Potential.

StaStu: Das sehen wir auch. Vielen Dank für das Gespräch und wir würden uns freuen, Sie mal beim Gründergrillen zu sehen.

Wirtschaftsministerin: Vielleicht klappt es sogar schon, dass ich abends beim Start-up-Gipfel noch dabei bin. 

Interview von Christoph Röscher (Startup Stuttgart e.V.)

Vor rund 6 Woche reiste eine Delegation mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut nach Israel, um mehr über die „Startup Nation Israel“ zu erfahren. Darüber wurde auch in diversen Medien berichtet. Wir von Startup Stuttgart wollten nun  vom MP erfahren, welche Eindrücke er mitgenommen hat und was er daraus für sich und Baden-Württemberg ableitet.

 

Startup Stuttgart: Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann, Sie waren bereits 2015 im Silicon Valley um sich ein Bild von einer etablierten Startup-Szene zu machen. Welche Unterschiede haben Sie zwischen den Startup Ökosystemen in Israel und in Kalifornien wahrgenommen?

MP: Es gibt Ähnlichkeiten, so etwa die Kreativität der vielen gründungswilligen und hoch qualifizierten jungen Menschen sowie ihren Glauben an sich selbst. Unterschiede sehe ich in der starken Rolle großer und etablierter Unternehmen im Silicon Valley, den privaten Investoren und dem Imagefaktor Kalifornien, in Israel dagegen bei der wichtigen Rolle des Militärs bei der Anwendung technologischen Wissens und insgesamt auch des Staates bei der Hege und Pflege der Start-up-Szene. Und auch wenn ich den besonderen israelischen Gründerspirit bewundere, sind sich nach meinem Eindruck Israelis und wir kulturell doch sehr ähnlich. Ich sehe deshalb, aber auch wegen der geographischen Nähe, ein großes Potenzial für Zusammenarbeit zwischen israelischen und baden-württembergischen Unternehmen.

 

Ministerpräsident Kretschmann und Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut (Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg)

Startup Stuttgart: Wenn wir auf das Startup Ökosystem BW schauen, welche Erkenntnisse haben Sie aus der Reise aus Israel mitgenommen?

MP: Die Start-up-Szene in Baden-Württemberg muss sichtbarer werden. In Israel können Sie in ein Taxi steigen und der Fahrer erzählt Ihnen stolz, dass ein israelisches Start-up gerade einen lukrativen Exit mit einem internationalen Investor vereinbart hat.

Das wird öffentlich diskutiert. Und weil die Israelis so gut vernetzt sind, aber auch flexibel in dem, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen, kann es sein, dass der Taxifahrer entweder selbst Aktien bei dem Start-up hat oder eine Schwägerin das Start-up mitgegründet hat.

Meine zweite Erkenntnis: Die Start-up-Szene ist sehr schnelllebig, gerade im Zeitalter der Digitalisierung. Und trotzdem braucht es Zeit, bis ein Start-up-Ökosystem mit der dazu gehörenden Venture-Capital-Szene eine gewisse Reife entwickelt hat.

Und die dritte Erkenntnis: Es ist schön, eine lebendige Start-up-Szene zu haben. Aber in Israel beobachte ich schon eine gewisse Einseitigkeit. Es gibt dort zum einen nicht so viele große oder etablierte Unternehmen, die auf der Investorenseite stehen. Viele internationale Investoren tätigen daher Aufkäufe in Israel, um dort eigene Forschungsstandorte aufzubauen. Zum anderen konzentriert sich dort heute nahezu alles auf Software.

Gerade als baden-württembergischer Ministerpräsident ist es mir ein Anliegen, dass unsere Wirtschaft auch mit intelligenter Hardware punktet, denn dort liegen unsere Stärken. Ich weiß aber auch: Ein erfolgreiches Start-up mit sprichwörtlich greifbaren Produkten aufzubauen und zu internationalisieren, dauert länger, als ein reines Software-Start-up aufzubauen. Das ist aus meiner Sicht die Königsdisziplin, in der wir in Baden-Württemberg erfolgreich sein wollen.

Vertreter der Stuttgarter Startup Szene mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffemeister-Kraut In Israel (Winfried Richter, Adrian Thoma, Alec Rauschenbusch, Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut, Christoph Röscher, Arndt Upfold)

Startup Stuttgart: Im Koalitionsvertrag der Landesregierung steht auf der Seite zwei als Zielsetzung „Wir werden Baden-Württemberg zur dynamischsten Gründerregion Europas machen.“ Es gibt Kritiker die bemängeln, dass bisher kaum etwas aus der Politik zu spüren ist, um dieses wichtige Ziel zu erreichen. Was würden Sie darauf erwidern und was wir die Landesregierung bis Ende des Jahre noch in die Wege leiten, um diesem Ziel näher zu kommen?

MP: Am 14. Juli 2017 werden Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut und ich gemeinsam den Start-up-Gipfel 2017 eröffnen. Hier wird die neue Gründungsoffensive der Landesregierung vorgestellt. Wir in BW sind ein wichtiger Standort für B-to-B-Gründungen. Auf der Landesmesse Stuttgart, dort findet der Start-up-Gipfel statt, können Start-ups dann auf etablierte Firmen treffen und sich vernetzen. Das müssen wir ausbauen. Hier sehe ich viele Chancen: Für junge Unternehmerinnen und Unternehmer mit guten Ideen und für die Firmen, neue Produkte oder Geschäftsmodelle zu bekommen.

Schwerpunkt des Start-up-Gipfels wird die Präsentation der neun regionalen Start-up-Ökosysteme im Land sein. Wir haben nämlich aktive Gründerszenen nicht nur in Stuttgart, sondern etwa auch in Mannheim, in Karlsruhe und in Freiburg. Die müssen bekannter werden und sich untereinander vernetzen. Hier ist auch politische Unterstützung nötig, so wie wir dies bei der Förderung von Existenzgründungen ja bereits erfolgreich machen. Wir sind hier durchaus im Bundesgebiet an der Spitze.

Startup Stuttgart: Die blühende Gründerszene mit mehr als 5000 Startups in Israel wurde gezielt entwickelt und wäre ohne staatliche Finanzierung nicht entstanden. BW steht finanziell stärker da (BIP/Person) als Israel, warum haben wir dann noch immer keine vergleichbare Förderung von Startups? Konkret – wann bekommt BW einen staatlichen Wagniskapitalfond mit mindestens 100 Millionen Euro?

MP: Das ist kein einfaches Thema. Wir wollen den Landeshaushalt konsolidieren und müssen die Schuldenbremse einhalten. Ich sehe aber auch, dass junge Gründerinnen und Gründer Risikokapital brauchen. Hier müssen wir noch weiter prüfen, was möglich ist.

Startup Stuttgart: BW profitiert von den erfolgreichen Konzernen und dem breiten Mittelstand. Auf der anderen Seite werde viele Talente von den Firmen „aufgesaugt“. Was plant die Landesregierung, um vor allem Studenten mehr Lust auf Gründung zu machen, um damit die Gründerquote zu erhöhen?

MP: Das ist sicher ein längerer Weg. Ganz wichtig ist es hier, das Thema an den Hochschulen stärker in den Fokus zu nehmen, etwa mit entsprechenden Unterstützungsangeboten und Kooperationen zwischen den Hochschulen. Das KIT ist da meines Erachtens schon recht gut aufgestellt. Insgesamt müssen wir die verbreitete Mentalität „Ich darf nicht scheitern“ langsam ändern. Am schnellsten ginge dies, wenn die Wirtschaft nicht so gut liefe – aber das wünschen wir uns ja natürlich nicht!

Startup Stuttgart: Am 14.07 wird es den von Ihnen erwähnten Startup- Gipfel BW auf der Landesmesse geben. Was ist ihre Erwartungshaltung an diese Veranstaltung?

MP: Ich erhoffe mir, dass die Wahrnehmung BWs als Gründerland in Deutschland deutlich erhöht wird. Wir sind nämlich viel besser als viele denken! In Israel halten die Experten BW für viel interessanter als Berlin – weil wir der Industriestandort Nr. 1 in Deutschland sind.

Startup Stuttgart: Wenn wir uns in zwei Jahren wieder sehen – was wird sich bis dahin im Startup Ökosystem BW getan haben. Wofür wird die Region dann international bekannt sein?

MP: Ich glaube, dass der Hype um Berlin eher abnehmen wird und BW auch in der nationalen und internationalen Venture Capital-Szene bekannter sein wird.

Startup Stuttgart: Wenn Sie die lokale Szene in Stuttgart mal erleben möchten, laden wir sind herzlich zu einem unserer Gründergrillen in Stuttgart ein. Wir würden uns freuen, Sie dort mal begrüßen zu dürfen. Vielen Dank für das Interview Herr Ministerpräsident.

MP: Ich werde schauen, ob wir einen Termin finden!

 

Interview von Christoph Röscher (Startup Stuttgart e.V.)