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Heute gibt es mal ein wenig wissenschaftlichen Input zu Netzwerken, da ich immer wieder gefragt werde, wie man richtig netzwerkt bzw. wo man die richtigen Kontakte für das eigene Business oder zur Rekrutierung findet. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch. Wenn man aber ein paar Grundsätze beachtet, dann fällt das Netzwerken sehr viel leichter und möglichweise uninteressante Kontakte erscheinen in einem ganz neuen Licht.

Als Grundlage dient hier Mark Granovetters Netzwerktheorie, der 1973 erstmals einen Aufsatz dazu im American Journal of Sociology veröffentlichte (The Strength of Weak Ties). Demnach sind Menschen zum einen durch starke, zum anderen durch schwache Beziehungen miteinander verbunden. Die Stärke von Beziehungen wird von vier Faktoren bestimmt: Gemeinsam verbrachte Zeit, emotionale Intensität, Intimität und Reziprozität bzw. Gegenseitigkeit der Beziehungen.

Grafik_Granovetter

Ein kurzes Beispiel zum besseren Verständnis anhand der Abbildung: Anna und Beate sowie Anna und Clemens haben jeweils eine starke Beziehung. Clemens und Beate haben allerdings (noch) keine direkte Beziehung, sondern nur eine schwache. Mit steigender Intensität der Beziehungen zwischen Anna und Beate sowie Anna und Clemens reichen diese aber aus, dass Beate und Clemens an einem bestimmten Punkt in Kontakt kommen, zum Beispiel durch gemeinsam besuchte Events. Durch diese Annäherung entstehen positiver Druck und eine große Wahrscheinlichkeit, dass Beate und Clemens auch ohne Annas Einflussnahme Informationen austauschen, die einen hohen Neuigkeits- und Vielfältigkeitsgrad haben.

Schwache Beziehungen bilden somit Brücken zwischen Personen und dienen dem Ausbau des persönlichen Netzwerkes. Auch neue Informationen werden schneller und umfassender über schwache Beziehungen verbreitet: Je mehr schwache Beziehungen man hat, desto besser verbreiten sich Informationen zwischen verschiedenen, unabhängigen Gruppen. Über starke Beziehungen jedoch verbreiten sich neue Ideen mangels Neuigkeitsgehalt und äußeren Input viel langsamer.

Auch beim Networking bzw. der Job- oder Mitarbeitersuche sind schwache Beziehungen als Vermittler von großem Wert: Sie können bei neuen Ideen und Informationen bessere Ergebnisse liefern als enge Freunde und Familie, die oftmals die gleichen Interessen teilen und über die gleichen Informationen verfügen wie man selbst. Starke Beziehungen sind zwar motiviert zu helfen, verfügen aber meist nicht über die relevanten Informationen.

Schwache Beziehungen hingegen sind von großer Bedeutung, wenn es um Neuigkeiten aus dem eigenen Netzwerk geht, gerade auch online. Die virale Sichtbarkeit von Likes, Shares, Retweets und Kommentaren der eigenen Kontakte bei anderen Personen hat dabei einen hohen Neuigkeitsgehalt für einen selbst. Zudem kennen Kontakte aus dem weiteren Netzwerk oft wiederum Leute, die als Geschäftspartner oder als zukünftige Mitarbeiter interessant sein könnten.

Daraus lässt sich auch schließen, dass Kontakte, die auf den ersten Blick und in dem Moment vielleicht uninteressant erscheinen, zu einem späteren Zeitpunkt wichtige Kontakte zu Personen außerhalb des eigenen Netzwerks herstellen können. Deshalb sollte man immer im Kopf behalten, dass die Sekretärin von heute die Projektmanagerin von morgen sein kann!

Header-Bild: Marc Smith unter CC-Lizenz BY-SA 2.0