Sehr geehrte Frau Ministerin Hoffmeister-Kraut, wie überrascht waren Sie mit welcher Wucht und Geschwindigkeit COVID-19 sich auf die Wirtschaft auswirkt?
Nach 10 Jahren ununterbrochenem Aufschwung war für mich absehbar, dass auch wieder andere Zeiten auf unser Land zukommen können. Schwierigeres Fahrwasser hatte sich in einigen Industriebranchen ja bereits im Verlauf des letzten Jahres abgezeichnet. Allerdings kommt die Wucht dieser weltweiten Krise, die ja zudem gar nicht auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, auch für mich überraschend. Aber wir haben schnell reagiert und das war auch notwendig. Schon Ende März konnten Soloselbstständige und kleine Unternehmen unsere Soforthilfe Corona beantragen. Seitdem haben wir viele weitere Hilfen auf den Weg gebracht, zum Beispiel weitere Liquiditätskredite, eine Krisenberatung und mit „Start-up BW Pro-Tect“ auch eine Überbrückungshilfe für Start-ups. Unser Ziel ist es, dass wir so viele Betriebe, Selbstständige und Start-ups wie möglich retten können. Wir dürfen uns aber auch nichts vormachen. Diese Krise wird tiefe Spuren hinterlassen und nicht jedes Unternehmen wird sie überstehen. 

Welche Anzeichen der Erholung sehen Sie?
Die gute Nachricht ist, dass die konsequenten Maßnahmen des Landes die Entwicklung der Infektionen eingedämmt haben. Schrittweise und verantwortungsvolle Lockerungen sind notwendige Bedingung für eine wirtschaftliche Erholung. Die aktuellen Zahlen des Verarbeitenden Gewerbes, die Stimmungsindikatoren und auch die Arbeitsmarktzahlen machen Eines ganz deutlich: Momentan stecken wir mitten in der Rezession. Unsere Hilfsprogramme und wirtschaftlichen Impulse sind deshalb umso wichtiger. Ich bin mir sicher, dass das Gesamtpaket an Stabilisierungsmaßnahmen in der zweiten Jahreshälfte seine volle Wirksamkeit entfaltet, das Konsumentenvertrauen stärkt und wir so zu einer allmählichen Erholung kommen können.

Quelle: Martin Stollberg / Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg
Wirtschaftsministerin BaWü Hoffmeister-Kraut

Viele Startups, oft mit dünner Kapitaldecke, sind auch stark von den wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona betroffen. Welche Aktivitäten haben Sie denn in ihrem Haus in die Wege geleitet um Startups zu unterstützen und wie groß ist die Resonanz darauf? Wird es Anpassung der bestehenden oder noch weitere Maßnahmen geben?
Unser Ziel ist es, dass Gründerinnen und Gründer möglichst gut durch diese Krise kommen. Deshalb haben wir bereits Ende April das Förderprogramm „Start-up BW Pro-Tect“ gestartet. Es richtet sich an Start-ups, die schon die erste Finanzierungsphase hinter sich haben, aber aufgrund der Pandemie in Schwierigkeiten geraten sind, etwa, weil jetzt geplante Finanzierungsrunden ausbleiben. Denn viele Investoren richten ihren Fokus jetzt darauf, ihre vorhanden Projekte gut durch die Krise zu lenken und investieren weniger in neue Geschäftsideen.

Die Förderung beträgt pro Start-up bis zu 200.000 Euro, in Ausnahmefällen auch bis zu 400.000 Euro, wovon 80 Prozent vom Land finanziert werden und 20 Prozent von privaten Ko-Investoren zu vergleichbaren Konditionen stammen müssen. Das Programm trifft bei den Start-ups auf eine große Nachfrage. Mehr als 30 Gründer-Teams durchlaufen derzeit den Auswahlprozess. Das Land hat zunächst 25 Millionen Euro bereit gestellt. Sollte diese Summe nicht reichen, dann werden wir gegebenenfalls nachsteuern.

Wie verlaufen die Diskussionen bezgl. Unterstützungsprogramme für Startups in Berlin, bzw. mit ihren Kollegen in den anderen Bundesländern? Nachdem es aktuell um die Rettung der „Lufthansa“, Hotel & Gastronomie und Autobranche geht – gibt es überhaupt noch Gehör zu dem Thema Startups? 
Natürlich müssen wir auch in der Krise die Gründungsförderung vorantreiben. Innovative Geschäftsideen dürfen nicht verloren gehen. Wenn nach der Krise die Wirtschaft wieder anläuft, brauchen wir zukunftsfähige Geschäftsmodelle, die uns den entscheidenden Vorteil gegenüber anderen Standorten bringen. In Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen im Land oder auch im Bund spüre ich immer wieder die Sorge um die Start-up-Szene. Viele Jungunternehmen sind ja potenziell der Mittelstand von morgen. 

Das Bundeswirtschaftsministerium hat ein 2 Milliarden Euro-Maßnahmenpaket für Start-ups angekündigt. Das beinhaltet auch weitere Hilfen in Zusammenarbeit mit den Ländern. Wir prüfen gerade, wie wir das in Baden-Württemberg umsetzen können.

Welche Chancen sehen Sie für Startups in der aktuellen Situation? 
Diese Pandemie ist ein Stresstest für jedes Geschäftsmodell. Aber motivierte und kleine Teams können auf diese Krise sehr viel flexibler reagieren als große Unternehmen. Das sehe ich als riesige Chance. Einige Start-ups stellen das bereits unter Beweis und richten ihr Geschäftsmodell auf die aktuellen Bedarfe aus. Ich bin mir sicher, dass viele Gründerinnen und Gründer aus der aktuellen Situation lernen können.  

Erster Startup Summit 2017

Ursprünglich war für den Sommer der nächste Startup Summit geplant. Wie ist denn die Planung, bzw. wird es eine Alternative für die Veranstaltung geben?
Schweren Herzens mussten wir den Summit 2020 verschieben. Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen, aber es gibt angesichts der Situation keine Alternative. Momentan richten wir unseren Fokus natürlich erst einmal darauf, die Start-ups in der Krise zu unterstützen und mit allen Stakeholdern im Gespräch zu bleiben. Aber wir arbeiten auch schon an einer digitalen Alternative zum Summit. Ich bin also zuversichtlich, dass wir die Anstrengungen, die wir bereits für unseren Summit 2020 unternommen haben, zu einem anderen Zeitpunkt nutzen können.

Vielen Dank für das Interview.

Fotos:  Martin Stollberg / Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg und Startup Stuttgart.