Ein Roman als Lehrbuch? Wer „The Goal“ von Eliyahu Goldratt gelesen hat weiß, dass sich ein auf den ersten Blick trockenes Thema wie Prozessoptimierung in eine spannende Geschichte packen lässt. Mit „Startup.mord – Erfolg kennt keine Grenzen“ greift Prof. Dr. Tobias Kollmann diese Grundidee auf und vermittelt eine Menge Startup-Wissen in Form eines Romans, welcher faktisch ein Krimi ist. 

Die Protagonisten Alexander König und Moritz Hansen gründen gemeinsam „AudioKing.com“, ein Startup mit dem Potential zum Unicorn. Als „Youtube für die Ohren“ schaffen es die Gründer bei „South by Southwest“ (kurz SXSW) die Aufmerksamkeit amerikanischer Internetgiganten auf sich zu ziehen. Die Kaufangebote schlagen sie aus und entscheiden sich den Weg zum Börsengang, dem Initial Public Offering selbst zu gehen. Mit dem Tag des IPOs von Audioking.com beginnt das Buch und die ersten Zeilen des Prologs zeigen, dass es nicht gut ausgehen wird. Der Mitgründer Moritz Hansen wurde wenige Wochen vorher ermordet aufgefunden und während CEO Alexander König sich auf dem Weg zum Erinnerungsfoto zur Bullenskulptur auf dem Börsenplatz lässt eine bekanntes Nachrichtenportal die Bombe platzen, welche den Aktienkurs auf Talfahrt schickt.

Somit weiß man bereits zu Beginn, wer dem Erfolg von Audioking.com zum Opfer fallen wird und wenn sich die Frage nach dem Mörder erst knapp 500 Seiten später klärt kommt dennoch keine Langeweile auf. Als Leser geht man mit den beiden Gründern auf die Achterbahnfahrt eines schnell skalierenden, mit Venture Capital finanzierten Startups. Die Reise führt zu bekannten Orten der deutschen Startup-Szene in Berlin, Köln, Düsseldorf und Hamburg. Die Reise startet an der fiktiven „University of Digital Business (UDB)“ mit zwei Studierenden, welche sich im richtigen Moment treffen und ihre Ideen zusammenbringen. Charaktere, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten und genau das Holzschnittartige, ja fast schon Überzeichnete macht auch den Reiz des Buches aus. Nur sehr wenige Startups nehmen überhaupt den Weg aus dem Hörsaal bis zum Börsengang, aber genau deshalb gelingt es auch alle relevanten Themen einzubringen. Begriffe und Konzepte aus der Startup-Welt wie Pitch-Deck, ESOP, Geschäftsmodell und Verwässerung werden nicht nur erwähnt, sondern scheinbar beiläufig erklärt. Auch die Kapitel des Buchs lassen die Reise miterleben, der Seed-Phase folgen die Startup- und die Expansions-Phase. Viel Erfahrung und offensichtlich auch eigene Erlebnisse stecken in diesem Buch. Ich muss an die langen Gesichter von mir betreuter Gründer denken, welche trotz guter Zahlen von Ihren Gesellschafter abgestraft wurden, weil die Ausgaben außerhalb des vereinbarten Korridors lagen. Genau das müssen die Gründer von Audioking.com erleben und schnell merkt man, wie es sich mit Investoren lebt, welche unterschiedliche Erwartungen haben. Man erlebt auch die Realität zwischen dem „Fake it ´til you make it“, welches Gründern oft empfohlen wird und dem Überschreiten des schmalen Grads, welcher von der guten Growth-Story zu unethischem oder gar kriminelles Verhalten führt. Vor diesem Hintergrund gibt es auch mehrere mögliche Motive am Mord des Mitgründers und CTO Moritz Hansen und auch hier geling es Tobias Kollmann den Spannungsbogen bis ganz zum Schluss zu erhalten. 

Fast muss man empfehlen, das Buch zweimal zu lesen, einmal für die Geschichte und dann noch einmal mit dem Notizblock in der Hand bzw. für die Studierenden mit Kontrollfragen, welche sich an jedes Kapitel anschließen lassen. Gefühlt fehlt zu meinem Glück nur der Foliensatz für das De-Briefing nach jedem Kapitel. Für mich kommt das Buch auf die Literaturliste für meine Studierenden, das Lesen dieses Romans ersetzt zwar keine eigene Startup-Erfahrung, ist aber eine gelungene Alternative für diejenigen, welche die Chance dazu noch nicht hatten. 

Buchrezension von Prof. Dr. Nils Högsdal

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