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Was zu tun ist – eine virtuelle Diskussionsrunde 

„Ich mag Stuttgart, hab‘ mich mittlerweile eingegliedert. Aber es gibt noch viel zu tun“, sagt Sascha Karimpour von Plug and Play Stuttgart mit einem wohlwollenden Zwinkern. Seine Überzeugung hätte als perfektes Motto zum Brainstorming unter engagierten Experten getaugt. Vor kurzem nämlich debattierten über die hiesige Startup Landschaft: Alexander Brem von der Universität Stuttgart und Professor für Entrepreneurship in Technologie und Digitalisierung, Alexander Diehl vom KI Netzwerk Cyber Valley und für das Thema Startups zuständig, Philipp Gneiting, bei Daimler verantwortlich für die Startup Autobahn und Open Innovation, sowie Sascha Karimpour, Geschäftsführer für das Silicon Valley Unternehmen Plug and Play Tech Center in Deutschland und für die Plattform Startup Autobahn in einer virtuellen Runde. Initiiert und moderiert wurde die Diskussion von Christoph Röscher, Vorstandsvorsitzender von Startup Stuttgart e.V.

Bei Startup Stuttgart arbeitet Christoph Röscher gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart daran, ein „White Paper“ zu verfassen. Darin sollen sich eine ganze Reihe von Stakeholdern dazu äußern, was aus ihrer Sicht die derzeitige Situation im Großraum Stuttgart ist, um daraus abzuleiten, was hierzulande passieren muss, damit sich das Startup Ökosystem noch weiter entfalten kann. Die Zielrichtung für alle Teilnehmer der Diskussionsrunde ist klar: Man will mit Startups noch erfolgreicher werden in der Region, das Potenzial ist da! 

In der separat geführten virtuellen Diskussionsrunde herrscht die gemeinsame Sicht, dass es noch viele Synergien zu heben gilt, das gesamte Ökosystem besser und wirkungsvoller zu vernetzen ist, die heute erfolgreichen Maßnahmen enger zu verzahnen sind und auch die Landeshauptstadt enger mit den umliegenden Kommunen zusammenarbeiten muss, um mehr internationale Sichtbarkeit und Schlagkraft zu bekommen. Eine Kirchturmpolitik wird nicht reichen, um die besten Gründer und Startups in der Region zu entwickeln, oder mit den besten Ökosystemen in Deutschland zu konkurrieren und Gründer aus anderen Regionen anzuziehen.

Diskussionsrunde – Philipp Gneiting

Leistungsstarkes Netzwerk ausbauen, Synergien stärken

Die Wünsche und Vorstellungen zumindest bei diesem Austausch zwischen Uni, Industrie, Cyber Valley und Startup Stuttgart waren allesamt klar konturiert: Daimler Innovationsmensch Gneiting wünscht sich ein funktionierendes Geflecht zwischen Großunternehmen wie seinem Arbeitgeber und Startups sowie einen regen Austausch mit Hochschulen und sonstigen Open Innovation Stakeholdern. Diehl ist motiviert, seine Erfahrungen aus der Zeit im Silicon Valley nach Deutschland und Europa zu bringen, lobt Baden-Württemberg als „sehr innovativ“.

Im Gegensatz zu Karimpour, der nach Stuttgart entsandt wurde, um mit Daimler die Startup Autobahn aufzubauen, traf Alexander Brem seine Wahl für die Stadt „sehr bewusst“. „Mich hat dieses Umfeld angezogen – was es hier schon gibt und vor allem die Perspektive, was man hier gemeinsam noch aufbauen kann.“ 

Karimpour: „Stuttgart bietet wirklich schon viel. Im Ökosystem sind viele Akteure, die sich mit Entrepreneurship auseinandersetzen und dabei auch helfen, den Unternehmensgründern das Gründen attraktiver zu gestalten.“ Allein für die Startup Autobahn zählt er auf, was es schon an beeindruckenden „Bordmitteln“ gibt: Derzeit gibt es mehrere Akzeleratoren, mehr als zehn Regierungs- und private Unterstützungsnetzwerke, Co-Working Spaces, drei bis vier herausragende Startup Events inklusive des Startup Weekends der Hochschule der Medien, Gründergrillen von Startup Stuttgart und vieles mehr, was die Startup Autobahn und Plug and Play aktiv unterstütze und wo man mitmache. Hinzu komme ein ziemlich weites Investorennetzwerk, von Angels bis hin zu solchen, die sich später bei Startups engagieren, wie beispielsweise Grazia und die BARS aus Stuttgart.

Schwäbischen Weg gehen

Zwar hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan, dennoch hakt und hapert es an vielen Stellen, so dass Stuttgart nach wie vor nicht als Startup Hotspot heraussticht. Woran das liegt, will Röscher wissen. Es sei ein Fehler, nur nach anderen deutschen Städten wie Berlin, Hamburg oder München zu schielen, so einhellig die Meinung. Karimpour: „Wir sollten den schwäbischen Weg gehen, keine anderen Städte kopieren – da haben wir tolle Möglichkeiten.“ Die starke Industrie, der prägende Mittelstand der Region, die Weltmarktführer und Hidden Champions sind eine Basis, um die andere Regionen uns beneiden würden. Brem stimmt zu, betont als Zugezogener den starken individuellen Charakter einer Landeshauptstadt. „Wir müssen auf den Stärken von Stuttgart und dem starken Umland aufbauen, viele sehr gute Ressourcen sind schon vorhanden und müssen nur besser zusammengebracht werden. Wir müssen schauen, was gut zur hiesigen schwäbischen Mentalität passt, und das heißt, man schwätzt nicht immer über alles, sondern macht einfach“, so der gebürtige Niederbayer. Auch die erfolgreichsten Unternehmen in der Region haben einmal klein angefangen. Das „Gründer-Gen“, ist hier auch vorhanden, oft versteckt es sich wohl nur hinter der schwäbischen Bescheidenheit.

Konkret gehe es darum, den Mittelstand und Industrie, die es im Schwäbischen zuhauf gebe, die man aber gar nicht so auf dem Schirm beim Thema Startup habe, ins Boot zu kriegen. „Stuttgart als Chance sehen, dessen Region ein ganz anderes Spektrum“ bereithalte, dafür warben er und seine Mitstreiter. Man brauche die richtigen Mitspieler, müsse die Ressourcen koordinieren – das aber kann, so das Votum, keine Universität, keine Hochschule, kein Unternehmen, kein Ministerium alleine stemmen. Eine wichtige Rolle hat auch die Landeshauptstadt und die umliegenden Kommunen. Sie müssen das Startup Ökozentrum, an dem die Prosperität und das pulsierende Leben der Region hänge, als Chefsache begreifen. Wenn man auf den OB-Wahlkampf Stuttgart zurückschaut – wo war da der Fokus auf Innovation, Transformation der Wirtschaft, ideale Bedingungen für Gründer zu schaffen? 

Diehl beobachtet ein natürliches Fluidum innerhalb der Startup-Welt: „Es gibt Startups, die von Zürich nach Berlin gehen und Berliner Startups, die ins Silicon Valley überwechseln. Mit anderen Worten: Die Karawane zieht nach einer gewissen Zeit durchaus weiter. Dennoch sieht man, dass Standorte es schaffen aufzuschließen, wie zum Beispiel Zürich innerhalb weniger Jahre. Das sollte auch unser Ziel sein.“ Das Gute in Europa gegenüber Silicon Valley sei dieses Netz von Innovationszentren, nicht nur das eine Epizentrum. Stuttgart habe die reale Chance, sich mit gezielten Maßnahmen als ein Hotspot innerhalb dieses Netzwerks zu verankern. 

Diskussionsrunde – Alexander Brem

Kambrische Explosion von Kreativität

Ob speziell die Region Stuttgart den Mangel von 20 Jahren in drei Jahren aufholen könne, stand zur Debatte. Gerade weil in der Region so viele Global Champions und High Tech Unternehmen sitzen und damit auch sehr viel Geld, ist Diehl optimistisch, dass es der Region Stuttgart im Gegensatz zu anderen Regionen durchaus gelingen kann, ziemlich zügig aufzuschließen und zum Hotspot zu werden. Dazu sei allerdings Voraussetzung, auch einen Teil des „Schwäbischseins“, also behäbiges Auftreten und das Wirken im Verborgenen, bewusst aufzugeben. „Wenn das gelingt, können wir recht schnell eine Art Kambrische Explosion von Kreativität und Startup Gründungen allerorten entfachen.“ So dass Erfolgsgeschichten wie CureVac nicht die Ausnahme sondern die Regel werden. Diehl ist nicht allein in seiner Auffassung, dass in dem Moment, wo zwei oder drei tolle Startups in Stuttgart entstehen, die wirklich Zug haben, es in der Folge „schneller abgehe“.

Gneiting unterstreicht diese Sicht und ergänzt: „Um zum Hotspot zu werden, müssen wir es als Stuttgart schaffen, uns ein unverwechselbares Profil zu geben. Das muss der Tatsache Tribut zollen, dass wir ein starkes B2B Land sind. Wir haben so viele Hidden Champions, so viele Global Player – das müssen wir zu unserem Vorteil nutzen.“ Dazukomme die weitere Herausforderung, die letztlich positive Situation, dass Stuttgart nicht nur ein starkes Gebiet habe, sondern viele. Dieses Netzwerk aus zusätzlichen Zentren wie Tübingen, Karlsruhe, Mannheim müsse eine Stärke Baden-Württembergs in der Wahrnehmung werden. „Dann haben wir die Chance, in bestimmten Themen hoch attraktiv zu sein.“ Für Startups und Investoren, versteht sich. 

Sog etablierter erfolgreicher Unternehmen läuft dem Gründerspirit zuwider

Ist die Region gar zu saturiert, zu erfolgreich durch Unternehmen wie Daimler, Porsche, Bosch und viele andere, so dass vielen Leuten gar nicht der Gedanke kommt, gründen zu wollen? Brem unterschreibt diese Sicht: „Wenn Studenten schon während des Studiums so viele Jobangebote haben, die so attraktiv sind – also nicht nur innovativ, sondern auch finanziell – dann ist das natürlich verlockend und diese Studierenden fallen demzufolge als Gründer aus.“ Und auch wenn die erfolgreichsten Gründer nicht unbedingt diejenigen sind, die frisch von der Uni weg gründen, sondern die mit vier- bis fünfjähriger Berufserfahrung, so gingen die dann von einem erfolgreichen Unternehmen zum andern, also nicht um auszugründen und auch nicht, um sich mit Startups zusammenzutun.

Man sei aber schon dabei, die Gründerkultur in die Köpfe der Studierenden hineinzubekommen. Durch frühphasige Veranstaltungen, Vorlesungen und niederschwellige Schnuppermöglichkeiten. „Da muss alles zusammenfließen und es braucht eine Runde Williger wie die unsrige, die es zu erweitern gilt. Ganz wichtig dabei, es braucht erfolgreiche Rollenmodelle aus der Region, die zeigen, dass in jedem ein Gründergen stecken kann und Gründung keine zweitklassige Option gegenüber einem Job in der Industrie sein muss. CureVac, Fahrrad.de, Teamviewer sind sehr erfolgreiche „erwachsengewordene“ Startups aus dem Großraum Stuttgart. Es fehlt die Aufmerksamkeit für solche Erfolgsgeschichten, um auch andere Gründungsinteressierte für Unternehmertum zu begeistern. 

Startup Autobahn – vor der Pandemie

Ausgründer an die Hand zu nehmen, das sei eine lange Reise, geschehe nicht von heute auf morgen. „Es muss Menschen geben, die das einfach tun und sich dich Bälle zuspielen“, sagt Brem, schaut auf seinem Monitor in die Runde und resümiert: „Wir haben neben unseren Jobs dieselbe Begeisterung, Startups zu fördern und zu fordern. Gemeinsam multipliziert sich das im positivsten Sinne.“

Im Ergebnis wünscht sich Gneiting, der mit seinem Team immer auf der Suche ist nach „the next big thing“, der nächsten großen Sache, noch mehr „WOW Startups“ à la What3Words und im vergangenen Jahr UBQ. Letzteres ist ein israelisches Startup, das Hausmüll einsetzt, um daraus im Upcycling Kunststoff herzustellen, mit dem perspektivisch Bauteile fürs Fahrzeug produziert werden sollen. „Damit unterstützen wir bei Daimler unsere Nachhaltigkeitsambitionen. Gleichzeitig haben wir mit dem Startup einen richtig coolen neuen Partner gefunden, den wir sukzessive weiter aufbauen zu einem wirklich potenten Zulieferer, der mehr für uns macht.“ Alleine hätte Daimler das wahrscheinlich so nicht geschafft. „Denn für unsere zigtausend Technologien haben wir nicht hundert Leute auf jedem Thema, sondern eben nur einen oder zwei.“ Und Karimpour ergänzt aus der Plug and Play Sicht: „Klar, wir hätten sehr gerne ganz viele Bewerbungen und Möglichkeiten, mehr erstklassige regionale Startups zu sourcen. Dann brauchen wir nicht auf der ganzen Welt zu scouten, und unsere Partner könnten mit lokalen Startups mit einem ähnlichen Mindset zusammenarbeiten.“

Cyber Valley – Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen

Runde der Willigen – „dann funktioniert’s“

Gerade weil es eigentlich alles gibt in der Region, müsse ein klares „Navigationssystem“ entstehen, das über Möglichkeiten aufklärt, das sagt, wohin man wann geht, das aber auch den Spirit Entrepreneurship vermittelt – nach dem Motto: Wenn Du Unternehmer werden willst, musst Du unternehmen. Das können andere nicht für den Betreffenden übernehmen, umso wichtiger ist „Leading by Example“ als Motivationsschub für potentielle Gründer. Brem dazu: „Ich glaube, es ist inzwischen doch ganz cool, ein Startup zu haben. Das hat sich über die letzten Jahre meines Erachtens geändert.“ 

Gneiting fordert insgesamt mehr Sichtbarkeit und Fokus in Stuttgart auf das Thema Startup, am besten über ein riesiges Startup-Fest auf dem Schlossplatz. Nicht als Einmal-Veranstaltung, sondern als regelmäßiges Get-Together. Gleichwohl sieht die „Runde der Willigen“ die Region als riesiges Potential. Es geht vordringlich darum, die einzelnen Erfolgsfäden zusammenzubringen und die gute Botschaft nach außen zu tragen – mit Fug und Recht auch etwas mehr selbstbewusst als bisher. Man habe es doch auch geschafft, Stuttgart als Feinstaubhauptstadt in der Presse zu platzieren, dann müsste es doch auch die Möglichkeit geben, als Startup Stadt stärker wahrgenommen zu werden – sagt ein Teilnehmer witzelnd.

Positive Entwicklungen weiter schärfen

Auch Christoph Röscher von Startup Stuttgart e.V. sieht sich am Ende der Debatte bestätigt: „Wir haben als Region 100 Jahre Erfahrung in Unternehmertum und auch sonst beste Voraussetzungen. Wir müssen die Leute noch mehr für das Thema Gründung begeistern und die harten und soften Rahmenbedingungen optimieren. Es gibt keinen Grund, warum die Region Stuttgart nicht eine führende Rolle im Startup-Ökosystem Deutschland einnehmen sollte“ 

Sascha Karimpour setzt den überzeugenden Schlusspunkt: „Ich war überall auf der Welt. Und, ja, ich mag Stuttgart, habe mich mittlerweile eingegliedert – aber es gibt noch viel zu tun.“ – Im Vergleich zu anderen Städten: „Wir sind keine Weltstadt. Das ist auch ok. Aber man kann die Stadt trotzdem ein bisschen attraktiver gestalten und Neuankömmlinge mehr willkommen heißen. Startups bedeutet oft viele junge Leute, die auch ein bisschen Szeneleben möchten und da kann man hier noch etwas tun“, bemerkt er zwinkernd. 

Text: S. Roeder

Fotos: Startup Autobahn, Cyber Valley, Horst Eisele, Startup Stuttgart e.V.

Alexander Brem: Professor und Netzwerker

„Ich kann als BWLer einen Physiker, einen Maschinenbauer oder einen Architekten anrufen und mit ihnen zusammen an einem Projekt arbeiten. Und die haben auch alle Lust darauf. Das kenne ich sonst von nirgendwo.“ Begeisterung klingt aus jedem seiner Sätze über die neue Funktion an der Universität Stuttgart. Für ihn ist Netzwerken, interdisziplinäres Denken und eine generelles Über-den-eigenen-Fachtellerrand-Schauen offensichtlich ein Lebenselixier, was das berufliche Dasein ausmacht.

Seine Professorenstelle an der Universität Stuttgart ist nicht irgendeine. Brem füllt gewissermaßen eine doppelte Rolle aus. Die beschreibt er so: „Ich darf das Institut für Entrepreneurship und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart aufbauen und leiten. Zudem umfasst dieses Institut einen Lehrstuhl für Entrepreneurship in Technologie und Digitalisierung, gefördert vom Daimler-Fonds im Stifterverband, dessen Inhaber ich in Personalunion bin.“ Das heißt: Brem ist ein auf Lebenszeit ernannter Universitätsprofessor. Davon sind die ersten maximal zehn Jahre über den Stifterverband gefördert und somit über jeden etwaigen Zweifel ob der Freiheit von Forschung und Lehre erhaben. 

Professur auf Lebenszeit – das klingt ein wenig nach „Beamtenstadel“ und so gar nicht passend zur Startup Szenerie, die sich schnell bewegt. Wer Alexander Brem aber sprechen hört und kennenlernt, der glaubt ihm unwillkürlich, dass seine Motivation die der kreativen Unruhe ist. Der Mann will bewegen – das war auch seine Motivation, nach Stuttgart zu kommen, eine Stadt, die bislang nicht zu den bekanntesten Startup Städten Europas gehört.

Mittendrin im Startup Panoptikum

Die Fülle an Aufgaben, die seine Position beinhaltet, ist so ganz nach dem Geschmack des umtriebigen Betriebswirts. Denn die Professur ist auch Teil des Cyber Valley, eine der größten Forschungskooperationen zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) in Europa. Hier ist er beim Thema Entrepreneurship mit den Kollegen der Universität Tübingen und des Max-Planck-Instituts eng verbunden. Last but not least sitzt er physisch in der Arena 2036, der Forschungsplattform für die Mobilität und Produktion der Zukunft. „In diesem modernen Gebäude befinden sich meine Räumlichkeiten, direkt im Stockwerk darunter sitzt die Startup Autobahn. Dort bin ich als Vertreter der Uni Stuttgart engagiert“, komplettiert er die Liste seiner Zuständigkeiten. 

Arena 2036

„Diese Aufgabenfülle war auch einer der Gründe, warum ich nach Stuttgart gekommen bin. Denn es macht mir Spaß, in Netzwerken zusammenzuarbeiten, Menschen und Dinge über die Universität hinaus zusammenzubringen“, erklärt er hoch motiviert.

Der zweifache Familienvater hatte mehrere Optionen, entschied sich aber bewusst für Stuttgart. Das gesamte Paket habe gestimmt. Vor allem aber, weil die „Uni Stuttgart hervorragend interdisziplinär arbeitet. „Das hat mich angesprochen und hat sich auch bewahrheitet“, berichtet er voller Begeisterung. Für den Professor ist die Universität Stuttgart beim Thema Entrepreneurship und Gründung ein roher Diamant, dem es den Feinschliff zu verpassen gilt.

Denn klar ist ihm schon jetzt: Das Potential ist da. „Es ist eine Großstadt, es ist eine Landeshauptstadt, mit viel Industrie mit langer Tradition. Aber gleichzeitig ist das ganze Thema Startup in vielen Bereichen in den Kinderschuhen – zumindest verglichen mit ähnlichen Städten wie München“, so seine Diagnose. Und es mache keinen Sinn, Konzepte wie Silicon Valley blind kopieren zu wollen, das werde nicht funktionieren. Dafür brauche es einen schwäbischen Weg, der die lokalen Stärken zu einem funktionierenden Ökosystem für Innovationen und Unternehmertum weiterentwickelt. Denn von der ersten Idee bis hin zum idealtypischen Börsengang müssen sehr viele Zahnräder ineinander greifen, das kann niemand alleine lösen.

Studierende an die Hand nehmen

So es ihm gelingt, seine Studierenden auch nur mit einem Bruchteil seiner Motivation zu infizieren, wäre das schon ein großer Erfolg. Alle Stuttgarter Institutionen haben bereits mehr oder weniger gut ausgebaute Anlaufstellen, die Gründer unterstützen. Brem kümmert sich „mit seinem tollen Team um seine Leute an der Uni Stuttgart“, und das sind immerhin über 25.000 Studierende und mehrere tausend Doktorandinnen und Doktoranden. Er rät grundsätzlich jedem, die Angebote zu nutzen, die es vor Ort gibt. Das machten nämlich viele nicht, wie er beobachtet. „Egal, ob man eine konkrete Gründungsidee hat oder nicht, es empfiehlt sich, sich möglichst frühzeitig an der eigenen Institution den richtigen Ansprechpartner zu suchen. Da gibt es auch Veranstaltungsformate und ich würde jeden motivieren wollen, diese auch in Anspruch zu nehmen“, betont er. Dazu gehören Lehrformate, zum Beispiel zu Schutzrechten, aber auch Netzwerkveranstaltungen. Denn später lerne man sich so über die eigenen Organisationsgrenzen hinweg kennen, zum Beispiel in der Meisterklasse oder bei Startup BW. „Aus der Forschung wissen wir, dass passend zusammengesetzte Teams mit komplementären Kompetenzen und Erfahrungen entscheidend sind für den unternehmerischen Erfolg. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sich in einem Netzwerk frühzeitig die richtigen Personen treffen.“

Wer also kommt alles zu Brem und seinen Veranstaltungen? „Die meisten Formate, die wir als Institut anbieten, sind für alle Studiengänge typischerweise offen. Wir haben also vom Maschinenbauer, Elektrotechniker, über den BWLer bis hin zum Physiker, Mathematiker oder Architekten im Prinzip alle Disziplinen, die sich vermutlich in dieser Konstellation nicht treffen würden.“ Die Kunst besteht nun darin, aus dieser Heterogenität ein stimmiges Konzept zu formen, weil der BWLer natürlich mit einem ganz anderen Vorwissen kommt als etwa ein Chemiker. „Mit unseren Formaten versuchen wir, die einen nicht zu langweilen, aber die anderen nicht zu überfordern. Das ist tatsächlich ein Balanceakt.“

Die Saat fürs Gründen frühzeitig legen 

So er es versteht, seine Teilnehmer zu motivieren, im Optimalfall zu begeistern und gar zum Gründen anzuregen, ist das Ziel erreicht. Aus seiner Erfahrung nennt er eine zehn Prozent Regel: „Von den 25.000 Studierenden an der Universität Stuttgart interessieren sich potentiell 2.500 für das Thema eigene Gründung, und von diesen gründen wieder idealerweise zehn Prozent. Das muss man wissen und das ist auch in Ordnung, genau für diese 250 Personen betreibt man den großen Aufwand – und wenn einige erfolgreiche Unternehmen entstehen, zahlt sich dieser auch aus.“ Genau hier liegt das große Potential für Stuttgart, da es hier schon viele gute Initiativen gibt, die aber noch nicht konsequent aufeinander abgestimmt sind. 

„Ich glaube, wir Macher brauchen einfach die Einstellung, dass wir alle miteinander an demselben Ziel arbeiten. Es geht darum, sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen, auch wenn man augenscheinlich zunächst im Wettbewerb steht. Man muss sich kennen, eine persönliche Beziehung aufbauen und Win-Win-Situationen finden. Uns muss bewusst werden, dass die Konkurrenz um die besten Köpfe in den anderen deutschen und internationalen Großstädten sitzt, aber nicht in Stuttgart selbst.“

Seinen Studierenden gegenüber sieht sich Alexander Brem mit seinen Mitarbeitern als „Antreiber“, wie er sagt. Er versucht, sie für sein Thema, das der Gründungskultur, nachhaltig zu begeistern – vom ersten Bachelor-Semester bis hin zu den Promovierenden. Ich will diesen Gründergeist stärker in alle Aspekte eines Studiums einbringen und sichtbar machen. Zusammen mit meinen vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen in den zehn Fakultäten kann das gelingen.“ Dafür kann er nun auch eine sehr zentral gelegene Räumlichkeit mitten im Campus, direkt unter der Mensa nutzen. „Diesen Raum wollen wir für Pitch Events und andere Veranstaltungen nutzen. Hier soll regelmäßig Betrieb sein, gerne wird dieser auch für die Stuttgarter Netzwerkpartner zur Verfügung stehen. Ziel ist es, das Thema Entrepreneurship auch visuell bei den Zielgruppen präsent und erlebbar zu machen, die Startups können ihre Produkte ausstellen und vieles mehr. Das meine ich mit Kultur“, berichtet er voller Leidenschaft. 

Gründen kann jeder – und man kann es lernen

Brem wollte gleich nach dem Abschluss seines Studiums der Betriebswirtschaft als Diplom-Kaufmann im Jahr 2004 „irgendetwas gründen.“ Das hat er dann zusammen mit drei Kollegen auch getan, und zwar im Bereich Consulting – aus Mangel an technologischen Ideen, was er auf den fehlenden Kontakt zu den Ingenieurwissenschaften zurückführt. „Das war nun wirklich keine ausgefallene Geschäftsidee – und trotzdem haben wir es geschafft, damit sehr erfolgreich zu sein. Mit diesem Beispiel versuche ich auch immer alle zu motivieren, die wirklich innovative Geschäftsideen haben, aber noch an der Idee oder sich zweifeln.“ 

Mit Promotion in der Tasche und nach weiteren dreieinhalb Jahren Vollzeit als Geschäftsführer und Berater in seinem Unternehmen zog es ihn im Jahr 2011 an die Uni in die Forschung und Lehre zurück. Nach drei Jahren als Juniorprofessor für Ideen- und Innovationsmanagement wechselte er an die technische Fakultät der University of Southern Denmark, wo er als Professor und Sektionsleiter „erstmals richtig mit Ingenieuren und Designern zusammenarbeiten konnte“, kehrte dann abermals nach Nürnberg zurück, weil ihm dort ein Lehrstuhl für Technologiemanagement als Lebenszeitprofessur angeboten wurde.

Alexander Brem

Immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen

So gut ihm die Stelle gefiel, so sehr trieb ihn doch die Suche nach einer neuen Herausforderung um. Die brachte ihn letztendlich nach Stuttgart – im Januar 2020. „Hier bot man mir genau die Voraussetzungen, nach denen ich gesucht hatte.“ Brem war viel unterwegs, hat viel aus seinen Fehlern und denen anderer gelernt. Diese Erkenntnissen kommen nun seinen Studierenden zugute. 

Doch auch aus der Forschung kann er einiges weitergeben. Erst kürzlich durfte er sich über eine Platzierung in der Spitzengruppe eines Rankings der WirtschaftsWoche freuen, welches die forschungsstärksten Betriebswirte in Deutschland, Österreich und der Schweiz kürte. 

„Ich durfte das Thema Startup von allen Seiten kennenlernen: Als Forscher, Hochschullehrer, Gründer, Berater, aber auch als Juror oder Gutachter“, betont der 41 Jahre alte Niederbayer. Er weiß, dass der Funke viel leichter auf seine Studierenden überspringt, wenn der Lehrende neben der Theorie auch die Praxis beherrscht.

Motivation ist ansteckend

„Genau das ist das Schöne an meinem Job. Einerseits mit meinem Team die Studierenden für das Thema Entrepreneurship begeistern. Anderseits zwei Stunden später im Büro sitzen und darüber zu forschen. Das ist eine prima Kombination“, sprudelt es aus ihm heraus. „Das ist beim Thema Gründen meines Erachtens auch besonders wichtig. Da muss ein Funke überspringen. Denn die meisten Studierenden besuchen meine Veranstaltungen freiwillig.“

Ein erstes Jahr voller neuer Begegnungen in seiner Professur ist fast zu Ende, bedingt durch die Corona-Pandemie natürlich mit vielen Unwägbarkeiten und unvorhergesehenen Änderungen. Und schon jetzt ist er sich sicher: „Da ist noch für ein paar Jahre gut zu tun.“ Und dann? Ihm fällt sicher etwas Neues ein. 

Text: S. Roeder

Bilder:
Uni Stuttgart -Regenscheit, Universität Stuttgart
Portrait Alexander Brem – Max Kovalenk
Arena 2036 – Arena 2036