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„Awesome!“ Für diese Wort gibt es heutzutage eine passende deutsche Übersetzung: „Geil!“  Dies ist das  Adjektiv für das meiste, was in der deutschen  Startup-Kultur entwickelt  wird. Ganz nach  kalifornischen Vorbild, wo gedämpfte Euphorie schon fast als Beleidigung gilt. Ob es nun die App ist, die irgendwelche Lieferzeiten abkürzt oder das neueste Projekt der „sharing economy“. „Geil“ ist erst einmal alles. Die  typisch amerikanische, ungebremste Begeisterungsfähigkeit ist in der Tat ein Schlüssel dazu, warum neue Ideen in den USA häufig bessere Chancen haben als bei uns. Es ist deshalb ein gutes Zeichen, wenn allmählich ein wenig von diesem „Awesome“  in die deutsche Bedenkenträgerkultur hineinsickert. Gründer, insbesondere jüngere, können sich über ihr medial vermitteltes Image in Deutschland zurzeit nicht beklagen. Vom Wirtschaftsmagazin über die seriöse Tageszeitung bis zum privaten Unterhaltungskanal gelten sie als cool. Und so manche Idee, die kaum den ersten „Pitch“ bei einem kühl kalkuierenden Investor überstehen würde, ist ersteinmal – nun ja – „echt geil.“ Das nette Image vom fröhlichen Gründer wird  von sympathischen Ritualen und Praktiken befördert. Man duzt sich sofort und ungefragt. Jeder redet mit jedem. Netzwerken ist der Schlüssel. Die Startup-Kultur kann geradezu zum Lifestyle werden. Als  für den Lebenslauf cooler Abschnitt der eigenen Biografie zum Beispiel. Und angesichts der Vielzahl an Förderwettbewerben, Preisverleihungen und Prämierungen ist  die Karriere als netter, öffentlichkeitswirksamer Gründer fast schon eine Laufbahn für sich. Ob daraus dann wirklich nachhaltige Geschäftsmodelle oder gar große, weltbewegende Ideen werden, ist die andere Frage. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber deutsche  Gründungen pendeln sich immer noch häufig  in einer „comfort zone“ mittlerer Größe ein, ohne das ganz große Rad drehen zu wollen, wie das die Visionäre aus den USA auszeichnet.

Die optimistische US-Gründerkultur hat eine Kehrseite
Bei der Begeisterung über den aus den USA importierten locker-optimistischen Ton geht nämlich die andere Seite dieses Modells  oft unter: Hinter dem Lächeln versteckt sich eine knallharte, bis auf die Knochen kapitalistische Philosophie. Der Investor, der einem gerade noch auf die Schultern klopfte, macht einem eine Minute später ganz kühl  klar, dass er keinen Pfifferling auf die mit Herzblut vorgestellte Idee wetten will. Und alle Massagestühle und alle kostenlosen Pizzalieferungen  in den Büros können nicht kaschieren, dass bis an die Grenze geschuftet wird – und manchmal darüber hinaus. Die US-Gründerkultur ist nur oberflächlich „nett“. Sie akzeptiert gleichzeitig auch die gnadenlosen Gesetze des Marktes. Es birgt also ein gewisses Risiko, wenn in Deutschland das Bild einer neuen jung-dynamischen Startup-Kultur für die breite Öffentlichkeit zu viel Nettigkeit transportiert. Um nicht falsch verstanden zu werden: Auch in deutschen Startups wird knallhart am Erfolg  gearbeitet – aber der Schritt zur echten Größe bedeutet eben auch,  über die sympathischen Gepflogenheiten der Anfangsjahre hinauszuwachsen. Es sind nicht nur die sich ironischerweise „business angels“ nennenden Investoren, die von außen für harte Enscheidungen zuständig sind, sondern auch zum Unternehmer gereifte Gründer selbst. Es ist knochenhart, einem Mitgründer aus den Anfangsjahren zu sagen, dass er für eine größer gewordene Firma vielleicht nicht mehr der Richtige ist. Es ist bitter, vielleicht einmal Menschen entlassen zu müssen, weil sie nicht die nötige Leistung bringen. Man braucht nicht gleich, wie es bei US-Unternehmen wie Amazon leider passiert, unmenschlich zu handeln. Aber wer sich in dem System bewegt, das wir hierzulande lieber als Marktwirtschaft bezeichnen denn als Kapitalismus,  kommt um Härten nicht herum. Und dann muss man damit leben, dass einen nicht mehr alle Welt sympathisch und  „geil“ findet.

Bei zu viel Erfolg dreht sich in Deutschland der Wind
Während Startups in der Frühphase in Deutschland inzwischen verwöhnt davon sind, dass sie medial gelobt und gepampert werden, dreht sich an einem bestimmten Punkt der Wind. Auf einmal findet einen dann die Öffentlichkeit gar nicht mehr so nett. Wer wirklich groß werden will, der hat es hierzulande weiterhin  schwer. Das haben etwa die Gebrüder Samwer erfahren, als sie das ganz große Rad zu drehen begannen. (Knallharte  Burschen, die auch scharfe Kritik gefälligst auszuhalten haben, sind sie übrigens wirklich.)  Nette, junge Gründer mögen wir in Deutschland schon – aber auch jemanden, der  nach dem ganz großen Erfolg greift?   Um nicht missverstanden zu werden: Welche Balance jeder sucht, ist seine eigene Entscheidung. Klein, aber glücklich zu sein kann besser  sein als Welteroberer zu werden und zynisch. Was aber nötig wäre, ist mehr Ehrlichkeit.  Das kann manchmal auch weh tun. Ich habe  schon am eigenen Leib erlebt, wie frisch gebackene Gründer, die an sympathisierende Berichterstattung gewöhnt sind, sich  darüber wundern, wenn ich nicht mehr alles nur toll finde. Und nach einer gewissen Zeit im Stuttgarter Gründerbiotop beginne ich zu ahnen, dass nicht immer und an allen Punkten hier alle eine große Familie sind. Jeder hat sein Ego, jeder hat Interessen – und ich halte das nicht nur für legitim, sondern auch für produktiv.   In den wichtigen Dingen an einem Strang ziehen, sich ansonsten ehrlich zu streiten, ist das richtige Rezept. Aber dafür braucht es auch den Mut, das oberflächliche Image von der netten Gründerfamilie durch andere, realistische Facetten zu ersetzen. Es gibt Kooperation, aber auch Konkurrenz. Wer geschäftlichen Erfolg haben will, kann nicht immer nur ein Idealist sein. Zur Gründerkultur gehört die Fähigkeit zu harten, konsequenten Entscheidungen. Ein Element, der US-Mentalität, das mich immer wieder beeindruckt hat, kann man dabei gerne übernehmen: Amerikaner können auch nach einer knallharten geschäftlichen Auseinandersetzung anschließend ganz locker ein Bier zusammen miteinander trinken, weil sie die Dinge auseinanderhalten und nicht alles persönlich nehmen. In diesem Sinne: Seid  nett zueinander!

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Bildquelle: Selena N.B.H. unter CC-Lizenz CC BY 2.0

 

An der Delegationsreise zur SXSW 2016 können zehn Vertreter baden-württembergischer Unternehmen teilnehmen. Bevorzugt sollen hier Startup-Unternehmen teilnehmen. Diese agieren in Austin zugleich als Botschafter für den Standort Baden-Württemberg. Die Delegation soll aus Unternehmensvertretern verschiedener Teilbranchen, insbesondere Interactive, Software & Games, Musik und Filmwirtschaft aber aus den Bereichen Health, Wearables, intelligente Mobilitätslösungen oder Smart Cities zusammengesetzt sein. Dabei sollen sowohl bekanntere als auch kleinere, für den Standort maßgebliche Unternehmen berücksichtigt werden. Hierdurch können idealerweise bereits innerhalb der Delegation Synergien und Potenziale für künftige Kooperationen geschaffen werden.

Neben der Teilnahme an der Interactive-Konferenz organisiert Baden-Württemberg International auch Veranstaltungen im German Haus, bei denen die teilnehmenden Unternehmen sich präsentieren können. Das German Haus ist eine gemeinsame Initiative des Bundes und der an der SXSW teilnehmenden Bundesländer. Im German Haus finden während der SXSW zahlreiche Networking-Veranstaltungen statt.

ZUR BEWERBUNG FÜR DIE TEILNAHME BITTEN WIR SIE UM INFORMATIONEN UND AUSFÜHRUNGEN ZU FOLGENDEN PUNKTEN:
1. Unternehmensprofil einschließlich
a. Ausführungen zum charakteristischen Alleinstellungsmerkmal
b. Zuordnung zu einer Teilbranche der baden-württembergischen Kreativwirtschaft sowie Begründung, weshalb das Unternehmen repräsentativ für diese Teilbranche ist.
c. Aussagen darüber, warum und wodurch das Unternehmen befähigt ist, auf internationalen Märkten zu arbeiten.
2. Welche Ziele sollen mit der Teilnahme an der SXSW erreicht werden? Wie fügen sich diese in die Gesamtstrategie des Unternehmens ein?
3. Gab es bereits (Unternehmens-)Aktivitäten im Umfeld der zurückliegenden SXSWs?

Ihre Bewerbung schicken Sie bitte bis zum 20. September 2015 in elektronischer Form an cornelia.frank(at)bw-i.de von Baden-Württemberg International.

ERGÄNZENDE HINWEISE:
Nach positivem Juryentscheid und darauf folgender verbindlicher Anmeldung verpflichten sich die Teilnehmer, an den Vorbereitungstreffen (ca. zwei Treffen zwischen November 2015 und Februar 2016), während der Konferenz an den Baden-Württemberg-Veranstaltungen im German Haus sowie an weiteren noch zu definierenden Treffen bei der SXSW teilzunehmen. Nach der Rückkehr wird eine Veranstaltung, die den Wissenstransfer in die regionale Wirtschaft gewährleisten soll, stattfinden, bei der die Teilnehmer von ihren Erfahrungen berichten. Bei den Vorbereitungstreffen soll ein Konzept für die Baden-Württemberg Veranstaltung im German Haus erarbeitet werden. Die Teilnehmer reisen individuell nach Austin an. Die Teilnahme wird mit einem Betrag von bis zu EUR 1.500,00 pro Unternehmen gefördert. Ein Rechtsanspruch auf Teilnahme besteht nicht.

In meiner Zeit im Silicon Valley ist natürlich ein Thema immer wieder aufgetaucht: Wie kann ich mich als deutsches Startup im US-Markt etablieren bzw. Kontakte mit ersten Kunden und potenziellen Partnern knüpfen? Vor Kurzem hatte ich dazu die Gelegenheit, eine Session von Chris Gill, CEO des SVForum, zu besuchen, im Rahmen derer er den Fragen internationaler Startup-Vertreter zum Silicon Valley Rede und Antwort stand. Dabei sind ein paar interessante Ergebnisse rausgekommen, die ich gerne mit euch teilen möchte.

Viele deutsche oder internationale Startups kommen mit der Idee ins Valley, dass sie innerhalb kürzester Zeit Kapital einsammeln und ihr Produkt direkt an US-Kunden verkaufen können. Oftmals sind diese Erwartungen gepaart mit der Tatsache, dass die Unternehmen die falschen Leute rüberschicken, d.h. nicht die Gründer selbst sondern Sales-Leute oder sogar Entwickler, und dass sie zu früh lokale Mitarbeiter, speziell für Sales einstellen. Nicht zu vergessen das unterschiedliche Mindset natürlich. Mit der Einstellung, dass man eh schon alles weiß, nur weil man in Deutschland ein paar tausend Euro Umsatz gemacht hat, kommt man hier definitiv nicht weit. Kontakte sind hier alles und die bekommt man zwar relativ einfach, aber eben nur, wenn man sich nicht wie die Axt im Walde benimmt.

Um all diese Fehler zu vermeiden, sollten die Unternehmensgründer selbst in die USA kommen, um potenziellen Kunden und deren Erwartungen und Feedback er aus erster Hand zu erfahren und gegebenenfalls in der Produktentwicklung darauf reagieren zu können. Nach Gill entspricht der Markteintritt in den USA dem gleichen Prozess, den man bei der Gründung des Startups im Ursprungsland durchlaufen hat. Alles auf Anfang sozusagen: „Going international is like doing a startup all over again”. Übrigens scheitern 80% der Unternehmen daran, sich international aufzustellen. Ungefähr genau soviel wie bei der eigentlichen Gründung.

Sobald man die ersten Schritte in den USA getan hat, kann man dann auch darüber nachdenken, wie man auf potenzielle Kapitalgeber zugeht. Dabei sind drei essenzielle Aspekte zu beachten: Erstens, das Unternehmen sollte ein lokales Headquarter in der Bay Area haben, denn VCs fahren normalerweise nicht weiter, als die Reichweite des eigenen Tesla-Autos erlaubt, d.h. von San Francisco bis San José, wobei das ursprüngliche Silicon Valley von Palo Alto bis Sunnyvale immer mehr an Bedeutung verliert und die Stadt San Francisco an Bedeutung für junge Startups gewinnt.

Map San Francisco

Um für VCs interessant zu sein, müssen als nächstes die Zusammensetzung des Teams und dessen Expertenwissen im entsprechenden Bereich stimmen. Zuletzt sollte das eigene Produkt dann natürlich auch schon eine beträchtliche Anziehungskraft und Umsatz durch Kunden vorweisen können. Wer all dies vorweisen kann, kann sich auf ein paar interessante Investorengespräche und hoffentlich später auf die erste internationale Funding-Runde freuen.